Arabischer Frühling, Jasmintee und ein Blog
Vor einem Jahr flüchtete Ben Ali aus Tunesien. Das Land gab den Startschuss in den Arabischen Frühling. Für viele ist Lina Ben Mhenni, “a tunesian girl”, eine der wichtigsten Meinungsführer von damals. Längst hat sie ihr Blog gut vermarktet – und kämpft nun für die Erinnerung. Von Jan Thomas Otte

Lina Ben Mhenni: "Eine Revolution der Würde", Foto: David Sasaki
Alles begann 2008, irgendwo in Tunis, im Internet-Café. Lina Ben Mhenni startete ein Blog. Der Titel, er könnte kaum schlichter sein: „A Tunesian Girl“. Heute ist es eines der größten, reichweitenstärksten Blogs Arabiens, wurde als Buch herausgegeben und befeuerte den Arabischen Frühling, als er noch ganz jung war.
Schwarze Haare, ein Piercing in der Nase, lässiges Outfit. Sie sieht aus wie 18, als würde sie noch zur Schule gehen. Tut sie aber nicht. Lina Ben Mhenni, 28 Jahre alt, ist nun viel unterwegs. Die Awards für ihren Blog, der ganze Medienrummel um den arabischen Frühling, sie tourt längst durch Europa anstatt aus Tunesien zu bloggen. Ihr Zuhause sind nun fremde Hotelzimmer, Tastatur und Bildschirm ruhen neben dem Kopfkissen. Früher, als sie ihren Blog noch nicht betrieb, da krickelte sie sich ab und zu noch ein paar Notizen in ihr Büchlein, mitten in der Nacht. Heute tippt sie.
Lina wirkt schüchterner als man es vom Blog erwarten würde. Die forsche Stimme ist eine digitale Stimme. Das weiß sie auch. Am Besten ausdrücken könne sie sich einfach hinter ihrem Laptop, bloß nicht in überfüllten Räumen, wie so oft, sagte sie bei der diesjährigen Preisverleihung des „Best of Blog Awards 2011“.
Sie erzählt von einem Reisebüro, das sie sah. Diese Hochglanzbroschüren, das „touristische Tunesien“, weite Olivenhaine und Sandstrände. Die seien doch ein krasser Gegensatz zu den damals ebenso sichtbaren, weißen 404-Error-Seiten, Meldung: „Diese Seite ist nicht erreichbar“. Wie könne man an ein Urlaubsparadies glauben, wenn selbst die Sandstrandseiten zensiert werden? Bis Anfang 2011 wurde Linas Blog vom Regime, der alten Regierung zensiert. Ihre Kamera gestohlen, die Wohnung ihrer Eltern durchsucht, ihr Freund mehrere Woche eingesperrt, vielleicht sogar gefoltert.
Bevor die Propaganda es verwischen konnte…
Orte wo grausame Dinge geschahen, Lina war vor Ort. Ihre Ausrüstung für die Jasminrevolution? Ein Handy fürs Bild, Laptop für den Text, die Sim-Card für mobile Datenübertragung. Genug, um „Beweismaterial“ zu sichern, wie sie es nennt. Noch bevor die Propaganda des gestürzten Diktators Ben Ali soetwas verwischen konnte.
Lina sagt, sie wolle nicht bloß politisieren, in die Zukunft denken. Sie will auch erinnern. Gerade die von ihr fotografierten, in ihrem Blog festgehaltenen Namen der Toten, die bei den Unruhen erschossen wurden, sie gehen ihr nicht aus dem Kopf. Da ist Manel Boallagui, 26 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, tot. Und Raouf Kaddoussi, Mohamed Jabli Ben Ali, auch Moadh Ben Amor Khlifi, alle Anfang 20, tot. Ihre Eltern hatten Lina gebeten, dass ihre Namen nicht in Vergessenheit geraten.
Was morgen aus Tunesien wird? Gute Frage, viele Tassen Tee hat Lina in der Zwischenzeit getrunken, aber noch keine Antwort. Tunesiens Revolutionsführer feiern ihren ersten Jahrestag. Längst wurde ein neues Parlament gewählt. Lina hat Angst, schreibt sie in ihrem Blog, dass es wieder schlimmer wird: „ I am worried, anxious… I am afraid of losing my identity, I am afraid of losing my rights as a woman. I am afraid of losing my freedom to think…”.
Online-Kommunikation, das ist „ihr Ding“, sagt sie. Klingt fast schon naiv, für ihre Leser und Zuhörer glaubwürdig genug. Lina gefällt die „Unmittelbarkeit“ des Geschehens, die Geschwindigkeit. Offline ist Lina die letzten Monate viel unterwegs gewesen, mehr als ihr eigentlich lieb ist. Sie will eine Auszeit nehmen, möglichst bald. Die Bloggerin reiste nach Norwegen, sprach beim „Oslo Freedom Forum“ mit leicht zittriger Stimme, stand dort neben Größen wie Julian Assange von WikiLeaks. Lina fuhr nach Bonn. Dort sprach sie dann, mal wieder, über Meinungsfreiheit im Nahen Osten. Diesmal bei der Deutschen Welle.
In ihrem 46-Seiten-Büchlein „Vernetzt Euch!“ erzählt Lina Ben Mhenni ihre eigene, ganz persönliche, schon fast etwas veraltete Revolutionsgeschichte. Und noch etwas, was Lina wichtig ist. Was sie da mache, dass sei keine Social-Media-Revolution. Sondern „eine Revolution des Volkes, eine Revolution der Würde“, schreibt sie. Auf der Straße hat alles angefangen. Im Netz geht es weiter, mit mutigen Köpfen wie Lina. Wohin? Wir werden sehen.
Lina Ben Mhenni unterrichtet Linguistik an der Universität von Tunis. Neben ihrem eigenen, mit Awards ausgezeichneten Blog schreibt sie für „Global Voices Online“, einem internationalen Blogger-Netzwerk. Ich habe von Lina einiges gelernt, was Medien und Moral angeht. Aber auch wie man sich selbst vermarkten kann oder besser nicht. Es ist eben nicht “ihre” Revolution, sondern die des Volkes. Immerhin, sich selbst in einem größeren Zusammenhang sehen, dafür: Respekt!





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