soukmagazine

Das Paradies des Schöpfers

Ein Traum in Blau und Grün, eine Oase. Mitten in Marrakesch wird ein verwilderter Garten wieder in ein kleines Paradies verwandelt. Modeschöpfer Yves Saint-Laurent sei Dank. Von Peter Lausmann


Dschungel wäre noch sehr milde ausgedrückt. Verwildert, verwahrlost und dabei doch so unglaublich schön. Yves Saint Laurent hat der Mode die klaren Schnitte, die eindeutigen Linien verschafft, indem er zum Ende der 60er-Jahre den klassischen Hosenanzug für die Frau erfand. Doch das hier war eine ganz andere Aufgabe: der Natur wieder zu ihrer Schönheit zurückzuverhelfen – ohne sie dabei ihrer Formen zu berauben.

Ob der Modeschöpfer wirklich so dachte, als er den Jardin Majorelle, den legendären Garten des Malers Jacques Majorelle, 1980 kaufte, ist nicht überliefert – aber es ist sehr gut möglich, dass die empfindsame Seele des Franzosen zwischen Schönheit und Chaos hin und her gerissen war. Von Majorelle ist heute nichts mehr in Erinnerung geblieben – bis auf den Garten, der die ganze Welt auf wenigen Hundert Quadratmetern vereint.

Pflanzen von fünf Kontinenten

Pflanzen von fünf Kontinenten wachsen hier im Schutz der Mauern: Bambus, Bananenbäume, Bougainvilleas, Kakteen. Hinzu kamen Haus, Säulengang, Pavillon und Wasserbassin. Alle in einem dominanten Kobaltblau gehalten, mit dem es höchstens der Farbton von Yves Klein aufnehmen kann. Bereits 1947 öffnete der Philanthrop Majorelle seinen Garten für die Öffentlichkeit. Doch nach dem Tod des Franzosen 1962 verwilderte der Garten. Bis schließlich Yves Saint Laurent und sein Partner Pierre Bergé kamen und ihn aus dem Dornrös- chenschlaf wachküssten. Vier Jahre wurde das Haus renoviert und der Garten mühsam entwildert.

Mehr denn je ist der Garten heute der Ruhepol einer pulsierenden Millionenstadt, deren Stadtgrenzen von hoch aufragenden Baukränen verteidigt werden.

Modeschöpfer Yves Saint-Laurent hat sich ein Paradies geschaffen: "Ich träume oft von diesen Farben.", Fotos: Simon Wicks, flickr.com

Wer den Garten frühmorgens betritt, direkt nach der Öffnung und bevor die ersten Tou- ristenbusse kommen, kann die paradiesische Ruhe förmlich in die Lungen einsaugen. Die prallen Farben der Vasen und Bauten, das satte Grün der Pflanzen erfrischen stärker als ein Glas frischen Quellwassers.

Der Verkehrslärm wird durch die Mauern abgehalten, der Staub Nordafrikas kann das Blätterdach kaum durchdringen. „Ich träume oft von diesen Farben“, hat der Modedesigner einmal über seinen Garten gesagt. Vor allem der Blauton, das „Bleu Majorelle“, ist von hypnotischer Tiefe. In dem ebenso gestrichenen, kubistischen Bau war lange das Museum für islamische Kunst untergebracht. Bestückt mit Exponaten aus Saint Laurents privater Sammlung. Doch nach dem Tod des Künstlers 2008 wurde das Konzept umgeworfen. Nun gilt die Ausstellung allein dem Meister selbst: im Entree Dutzende Fotos aus seiner Marrakesch-Zeit – offensichtlich eine Phase großer Leichtigkeit. Es folgen zahlreiche Kreationen, die in ihren Schnitten an die arabische Kultur angelehnt sind. Dabei hätte es dessen gar nicht mehr bedurft. Yves Saint Laurent ist im Jardin Majorelle ohnehin allgegenwärtig: Nach seinem Tod wurde seine Asche im Garten ver- streut. Eine Stele erinnert an ihn. Ein Ort der Stille und der Farben.

Wenn man Yves Saint-Laurents Garten einmal durchschritten hat, kommt man zwangsläufig an das blaue Haus, in dem er lebte. Schön muss es damals zugangen sein. Zumindest verheißen das im Entrée all die Bilder der Stars, die ihn dort besuchten. Von Mick Jagger bis zu Helmut Berger. YSL wirkt eigenartig fremd zwischen ihnen. Ein bisschen wie Lawrence von Arabien. Und wenn man genauer hinschaut, ahnt man warum: Sie waren sicher alle bekifft.

Schlagwörter: , , , , ,

Artikel kommentieren..?