soukmagazine

Redaktionsblog

19. Februar 2012, 15.29 Uhr, Ortszeit Kairo

Wieder Kairo. Wieder Ägypten. Doch es ist keine Zeit des Aufbruchs mehr. Es ist eine Zeit, ein Land im Schwebezustand. “No SCAF” steht an Häuserwände geschmiert, “Kein Militärrat”. Doch an anderen Wänden: “Fuck Ultras” – eine Empörung über die Fußballfans, die zum Revolutionskern gehören sollen. Beide Seiten, die Revolutionäre vom Tahrir und der Militärrat, sind längst überreizt.

Auf dem Tahrir sitzen sie in ihren Zelten, bei kaltem, scharfen Wind. Symbolische Gräber wurden für die Obrigkeiten ausgehoben, aufgeknöpfte Puppen baumeln an den Verkehrsampeln am Platz. Die Revolutionäre schauen zornig, aber sie hoffen, dass heute nichts geschieht.

Rings um den Tahrir wurden einige Zugangsstraßen blockiert. Dicke Betonquader sind in mehrspurige Straßen gestapelt. Was sonst Verkehrschaos ist, wurde nun zur unfreiwilligen Fußgängerzone. Südöstlich des Tahrirs gibt es mehrere Ministerien und Verwaltungsgebäude. Sie sind komplett mit Stacheldraht umsichert. In den Hinterhöfen der Verwaltungshäuser sitzen die Soldaten in Hundertschaften. Sie schauen teilnahmslos, aber sie hoffen, dass heute nichts geschieht.

Ägypten, es ist im Jahr nach der Revolution ein land im Schwebezustand. Und sein Volk hofft, dass irgendwann etwas geschieht.

Eintrag von Marc Röhlig

12. Februar 2012, 21.16 Uhr Ortszeit Riad

“Das ist nicht Saudi-Arabien. Das Video wurde in Marokko gedreht!”

“Das sind gar keine saudischen Kennzeichen.”

“Wir laufen nicht alle so rum. Bitte glaubt das nicht.”

Drei Kommentare als Antwort auf das neue Lied “Bad Girls” der britischen Rapperin und Sängerin M.I.A.

Nun. Die meisten Männer hier laufen tatsächlich in weißem Gewand und mit Kopftuch herum. Und mit Autos driften oder Rennen fahren ist auch tatsächlich eine recht verbreitete Freizeitaktivität von Jugendlichen in Riad.

Fühlt sich da jemand angegriffen? Dann hat M.I.A. ihr Ziel wohl erreicht. Denn so wie ich das Video sehe, ist es eine direkte Anspielung auf Saudi-Arabien. Genauer: auf das Fahrverbot von Frauen in Saudi Arabien.

Fakten und Produktionsbedingungen hin oder her. Die Botschaft ist klar: Auch Frauen haben’s drauf.

Abgesehen davon überzeugt das Video schon allein durch die Bildsprache. Zwar spielt M.I.A mit orientalistischen Klischees, wenn sie Wüste, verhüllte Menschen mit Gewehren und einen Araberhengst auffährt. Aber sie bricht die Klischees, indem sie mit der Raserei und den driftenden Autos einen Aspekt der saudischen Subkultur präsentiert, der den meisten Menschen im Rest der Welt eher unbekannt sein dürfte. In vielen Kommentaren schimmert Bewunderung für die “badass Saudi drivers” und ihre Fahrkunst durch.

Also liebe Saudis. Freut euch doch lieber, dass euch Menschen cool finden. Wenn ihr dann noch euren Frauen erlaubt, Auto zu fahren, fänden viele euch sicher noch cooler.

Eintrag von Jan Hendrik Hinzel

12. Februar 2012, 19.01 Uhr, Ortszeit Freiburg

Ich weiß nicht mehr so recht, wie ich die Nachrichten aus Syrien annehmen soll. Seit einem Jahr sterben dort Demonstranten, seit einem Jahr arbeitet die internationale Gemeinschaft mit Verwarnungen. Die Arabische Liga weiß sich kaum zu helfen. Meine syrischen Freunde sind entweder nicht mehr erreichbar, befinden sich im Untergrund – oder schreiben mit Nichtigkeiten gegen die Realität an. Die Orte, die ich in mein Herz geschlossen habe, sehe ich in Nachrichtenbildern und sehe ich in Trümmern.

Eigentlich ist es an der Zeit, zynisch zu werden:

Eintrag von Marc Röhlig

31. Dezember 2011, 16.21 Uhr, Ortszeit Freiburg

Ein Jahr liegt hinter uns, 2011, wie es in der arabischen Welt lange keines gab. Der Frühling, der alle Jahreszeiten durchwanderte, rüttelte den Orient wach, entstaubte Patina von Marokko bis an den Golf. Ob in Tunesien oder in Israel, ob auf dem Tahrirplatz oder in Homs – selten wurden in so kurzer Zeit so viele Freiheiten eingefordert. Selten war der Ruf nach Gerechtigkeit, nach Wahrheiten, so laut.

soukmagazine.de dankt seinen Lesern für die Treue und freut sich darauf, dass auch 2012 der Arabische Frühling der Region beim Erwachen hilft.

العام الجديد

 

Ihr soukmagazine-Team

 

18. Dezember 2011, 20.57 Uhr, Ortszeit Riad

Der Burger schmeckt wie in Deutschland. Die gleichen Zutaten: Salatblatt, Scheibe Fleisch, Tomate, Scheibe Käse. Nur für die Pommes gibt es mehr Ketschup.
Ich will gerade zum Getränke-Automaten gehen, um meinen Cola-Becher aufzufüllen, als ein seltsames Surren den Raum erfüllt. Ich schaue mich um: Langsam gleiten beige-farbene Jalousien an den Fenstern hinab. Die Gäste essen desinteressiert weiter.

Ein Angestellter sperrt die Türe zu, das Personal an den Kassen ist verschwunden.
„Allahu Akbar“, dringt es von draußen durch die Fenster in den Raum. Es ist Gebetszeit, die verordnete Zwangspause.

Willkommen in Saudi-Arabien.

Hier werde ich die folgenden sechs Monate leben und arbeiten. Die Pausen zu den Gebetszeiten sind nur ein Teil vieler kurioser Begebenheiten hier. Wird man in das Restaurant eingesperrt, hat man noch Glück gehabt und kann in Ruhe weiter essen. In anderen Restaurants setzt das Personal einen einfach vor die Tür. Das Gleiche gilt für Läden und Behörden.
Damit ich nicht weiter vor verschlossenen Türen stehe, werde ich mir nun eine Gebetsuhr zulegen. Sie zeigt unter der normalen Uhrzeit immer die Zeit des nächsten Gebets an. Da die Tage im Winter ja recht kurz sind, folgt nur kurze Zeit später auf das Mittagsgebet schon das Abendgebet.
Das Wissen um die Zeit des nächsten Gebets macht die Sache aber nicht unbedingt besser. In Anbetracht der kurzen Zeitabstände und dem vielen Verkehr auf Riads Straßen, schafft man es ohnehin nicht pünktlich irgendwo hin. Und so heißt es bei Tausenden von Fast Food-Filialen an jedem Straßenrand: Warten. Und Hungern.

Eintrag von Jan Hendrik Hinzel

20. Oktober 2011, 15.47 Uhr, Ortszeit Abu Dhabi

Moschee in Abu Dhabi

Erstmals Abu Dhabi, die vibrierende Hauptstadt der Vereinigten Emirate. Sie ist nicht so laut und glänzend wie ihr Nachbar Dubai – aber sie strahlt Siegesgewissheit aus. Abu Dhabi weiß, dass es Geld hat, Macht hat – und ignoriert die Frage, ob es Zukunft hat. Die Stadt baut Bürotürme und Hochhäuser; die Moscheen an allen Straßenecken wirken wie alte Schuhkartons, klein und in dunkle Ecken geschoben. Die Sonnenreflexionen der Glasfassaden reichen selten bis zu ihren Minaretten hinab.

Ich bin für zwei Wochen in Abu Dhabi. Als Co-Trainer betreue ich ein Multimedia-Seminar für deutsche und arabische Journalisten. Das ist mit doppeltem Blick spannend: Welche Themen werden recherchiert? Und welche Themen dürfen recherchiert werden?

Die Emirate liegen mitten in einer Region, die sich im Umbruch befindet. Im Iran hocken Despoten auf Bomben und das Volk wird unterdrückt; im Bahrain schlagen die saudischen Nachbarn mit deutschen Panzern Aufstände nieder; im Oman schwindet das Interesse am Sultan; im Jemen – nun ja, da treffen so ziemlich alle Schreckensszenarien ein, die ein Land aushalten kann. Die Emirate selbst aber interessieren sich nicht für den Arabischen Frühling. Es geht uns doch gut, sagen die Einheimischen – und dem Emir vertrauen wir. Dass der Luxus nicht ewig halten kann, dass das ganze Land auf den Rücken der Millionen Gastarbeiter ruht, wird verdrängt. Heute noch ist dies das orientalische Sehnsuchtsland.

In zwei Wochen kann ich hier unsere Arbeit veröffentlichen. Dann finden Sie hier die Geschichten, die die deutschen und emiratischen Journalisten aufgeschrieben haben.

Eintrag von Marc Röhlig

11. September 2011, 13.58 Uhr, Ortszeit Gera.

Das heutige Datum ist eigentlich ein Datum der Trauer: 9/11 jährt sich zum zehnten Mal. Das Ereignis, das den Terrorismus in unsere Mitte, das Angst in unsere Köpfe gebracht hat, jährt sich zum zehnten Mal. Was in den letzten zehn Jahren zu selten geschehen ist, war das klare Bekenntnis zur Liebe. Wenn extremistische Gruppen eines wollen, dann ist es Hass sähen. Es geht ihnen nicht darum, ob 3 oder 3000 Tote zu beklagen sind; es geht ihnen um das Klagen an sich. Es geht ihnen darum, immer in Furcht zu leben.

Die Mission von al-Qa’ida funktionierte: Die Namen der Attentäter bleiben in Gedächtnis, über die Namen der Opfer wissen wir zu wenig. Wir wissen, um welche Uhrzeit welches Flugzeug in welchen Turm steuerte. Wir wissen nicht, um welche Uhrzeit sich Überlebende aus den Trümmern die Hände reichten. Es hieß, die Welt werde nie wieder so sein, wie zuvor. Eigentlich ist die Welt genauso, wie zuvor. Im Wandel. In Angst. Und in vorschneller Verurteilung. 9/11 hat zwei schreckliche Kriege geboren, hat Amerika verändert, hat den Nahen Osten und den Islam ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit geholt. Doch dieser Blick ist gefärbt und verzerrt. Er lässt wenig Raum für Hoffnung.

soukmagazine.de möchte da anders sein. Wir waren noch nie ein Magazin, dass dem Schrecken des Terrorismus viel Platz gab. Wir waren immer ein Magazin, dass der Verständigung und Toleranz Raum gibt. Wir schreiben lieber über gute Integration als über Exklusion. Lieber über den Arabischen Frühling als über islamistischen Winter. Zum zehnten Jahrestag von 9/11 gedenken wir daher mit einem kleinen, feinen Text voller Liebesbotschaften zwischen West und Nahost.

Eintrag von Marc Röhlig

4. September 2011, 9.56 Uhr, Ortszeit Jerusalem.

Die Hebrew University liegt auf einem Huegel im Osten Jerusalems, im palaestinensischen Teil der Stadt. Man hat einen wunderbaren Blick auf die golden leuchtende Kuppel des Felsendoms, auf die in alle Richtung fliessende Stadt Jerusalem. Ein Schmelztiegel des Orients, Hauptkampfplatz der Monotheismen – es gibt so viel in dieser Stadt zu entdecken, erleben, erfuehlen. Es gibt so viele Moeglichkeiten fuer Juden, Christen und Muslime, ihre Gemeinsamkeiten zu entdecken; fuer Israelis und Palaestinenser, ihre Aengste zu ueberwinden.

Allein, der Konflikt wird oft schon im kleinen lebendig gehalten: Sommerkurse fuer Hebraeisch an der Universitaet. Die Studenten schlafen im Wohnheim auf dem Campus, werden im gemieteten AirCon-Bus quer durch die Stadt in eine Shopping Mall gefahren, werden von Sicherheitsmaennern auf dem Unigelaende beschuetzt. Bei der Einfuehrung wird eine Karte gezeigt. Darauf gibt es rote Flecken, Gebiete, in die man nicht gehen solle, die gefaehrlich seien und bei denen die Versicherung der Uni nicht haften koenne. Vom Besuch wird dringend abgeraten!

Das gesamte Westjordanland ist rot, der Gaza-Streifen mit circa 40 Kilometer Pufferzone, ausserdem das muslimische Viertel der Jerusalemer Altstadt und viele Bereiche im Osten der Stadt. Jerusalem sieht aus wie ein Fliegenpilz, weiss und rot gefleckt. Jungen, wissensdurstigen Studenten wird allen Ernstes erklaert: Kauf dein Brot nicht beim (viel billigeren) muslimischen Haendler um die Ecke -  du koenntest dabei draufgehen.

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Im Westjordanland scheint die Stimmung derweil gelassen, fast, als gebe es weder einen israelischen Nachbarn noch die Mauer dazwischen. Am 20. September wird Palaestinenserpraesident Mahmud Abbas vor der UN-Vollversammlung die Unabhaengigkeit beantragen. Das eine Staatenmehrheit dem Antrag zustimmt, ist zu erwarten. Unklar ist, wie sich die USA und EU verhalten, von Seiten Israels werden derweil die Drohungen lauter.

Khalid, ein Ladenbesitzer mit direktem Blick auf die Mauer in Betlehem, bleibt lapidar: “Was soll der 20. September schon fuer ein Tag werden? Wie jeder andere wird er, nicht mehr und nicht weniger.” Es klingt weder zornig noch erregt: Vielmehr stellt sich Khalid schon vor der UN-Abstimmung auf eine Resignation ein.

Eintrag von Marc Roehlig

28. August 2011, 21.03 Uhr, Ortszeit Ramallah

Zwei Wochen vor der angestrebten Unabhaengigkeit Palaestinas; auf der Reise durch das Westjordanland leben die Einwohner in nervoeser Entspannung. Wir reisen von Tulkaram nach Nablus, dieser lauten, fiebrigen, groessten Stadt der Palaestinensergebiete. Hier spuert man nichts vom israelischen Nachbarn. Die Strassen werden fuer das Ende des Ramadanmonats mit Palmzweigen geschmueckt, die Strassen fuellen sich mit Haendlern, Kanafeh, eine klebrige Suessigkeit, bieten sie an. Der Verkehr ist arabisch-chaotisch (in Israel halten sie an den Ampeln) und die Haeuser sind unverputzt, aber mit Satellitenschuesseln zugestellt. Ein anderes Land im Land.

Dass das Westjordanland dennoch Teil, Zone, Kaefig in Israel ist, merkt man in den kleinen Momenten. Kein Palaestinenser schnallt sich im Auto gerne an, auch nicht in den kleinen Ueberlandbussen. Ueber jede holprige und geschwungene Strasse knattern die Busse – aber die Gurte baumeln achtlos an den Lehnen. Das aendert sich, sobald die Busse auf einen Highway biegen: Highways  gehoeren in den Autonomiegebieten zur Zone C, komplett von den israelischen Sicherheitskraeften kontrollierte Gebiete. Zone A ist in palaestinesischer Hand, Zone B eine Mischung aus palaestinensischer Zivil- und israelischer Militaerverwaltung.

Faehrt also ein Minibus auf dem Highway, dann faehrt er immer auch auf dem Gebiet israelischer Verkehrsordnung. Aerger will kein Mitreisender: Die Palaestinenser schnallen sich schnell und lautlos an. Dem kleinen Frieden zuliebe.

Eintrag von Marc Roehlig

24. August 2011, 10:36 Uhr, Ortszeit Tel Aviv

Tel Aviv ist “The Bubble” – die Seifenblase, in der aller Nahost-Laerm unendlich weit weg erscheint. Hier feiert Israel, lebt und liebt und kuemmert sich nicht um die juengsten Anschlaege in Eilat, die Gefechte in Gaza, den Nahost-Konflikt im Ganzen. Am Strand knattern derzeit im Halbstundentakt Kampfhubschrauer von Nord nach Sued – von der Basis zum Einsatz im Gaza-Streifen. Die Jogger, Bader, Selbstdarsteller in der Tel Aviver Bucht interessiert es nicht.

Doch in diesem Jahr ist alles anders, im Jahr des Arabischen Fruehlings. Noch letzte Woche demonstrierten 300.000 Israelis fuer eine gerechtere Sozialpolitik. Es brodelt im Volk, der Wille nach Erneuerung keimt. Allein, gestern standen auf dem Rothschild Boulevard, der Kampfzone der Proteste, nur einzelne verwaiste Zelte. Ahmad, ein Junge aus Ramallah, zuckt die Schultern: “Was soll auch das demonstrieren? Gibt doch nur Chaos wie in Aegypten.”

War das schon alles? Reichen ein, zwei Wochen Aufbegehren und danach nichts? Schwuele Hitze drueckt heute in Tel Aviv alle Gedanken in den Schatten. Die Stadt liegt mit ihren eierschalenfarbenen Bauhaus-Wohnbloecken wie totes Hirn in der Sonne. Der Arabische Fruehling ist noch kein Israelischer – vielleicht wird er es nie. Vielleicht bleibt aber Tel Aviv auch immer und immer wieder, auch nach 300.000 Demonstranten, eine Seifenblase im endlos durchpolitisierten Israel.

Eintrag von Marc Roehlig

7. August 2011, 20:01 Uhr, Ortszeit Hannover

Die syrische Revolution eskaliert in einem kleinem, stickigen Raum im Norden von Hannover. Aus ganz Deutschland sind am Wochenende Exil-Syrer in die Stadt gekommen; abgeordnet von verschiedensten Kulturvereinen. Sie sind Anwälte, Ärzte, Dichter, Blogger, Studenten und sie wollen sich organisieren. Schon seit längerem gibt es vereinzelt Aktionen in deutschen Städten. Kleinere Demonstrationen, die auf die Situation in Syrien aufmerksam machen wollen. Bundesweit ist es dazu bislang noch nicht gekommen, das soll sich aber ändern.

Doch die Situation ist verfahren: Es geht um die Eigenständigkeit der einzelnen Vereine, es geht darum, wer wann was zu sagen hat, darum ob man nun eine “Front” ist, eine “Koalition” oder ein “Verband”. Ob man Aktionen in Deutschland koordiniert oder direkt in Syrien. Aber bei all den Diskussionen ist man sich grundsätzlich einige, dass man etwas tun möchte. Youtube-Kanäle, Facebook-Namen werden an diesem Wochenende zu Gesichtern. Wann und zu welchen Aktionen es wo zu den Aktionen der Exil-Syrer kommt wird sich bald zeigen.

Eintrag von Simon Kremer

 

31. Juli 2011, 12.01 Uhr, Ortszeit Freiburg

Am morgigen Tag beginnt der Fastenmonat Ramadan. Für Muslime ist es der wichtigste Monat im Kalender; ein Beisammensein mit Familie und Freunden, ein Besinnen auf innere Stärke und Nächstenliebe. Die Zeit des Ramadan erfüllt die Menschen von Marokko bis Afghanistan auf gleiche Weise, wie die Adventszeit Europa erhellt.

Derzeit ist die arabische Welt jedoch in Aufruhr. Auf das Erwachen nach dem Arabischen Frühling folgten blutige Auseinandersetzungen in vielen Ländern. Noch heute kämpfen Rebellen in Libyen gegen die Macht und Oppositionelle in Syrien widerstehen der repressiven Regierung. Im Jemen zerfällt das Land nach der “Flucht” des Präsidenten in blutige Fehden. Dort, wo ein Umsturz gelang, lässt die Erneuerung auf sich warten: In Ägypten wurden die ersten freien Wahlen um zwei Monate nach hinten auf den November verschoben.

Der Ramadan bleibt eine Zeit der Besinnlichkeit. Er ist ein Fest für Familie und Freunde – kein Fest für Staatsmänner, Militärs und Islamisten. Wir wünschen:

رمضان كريم لكل مسلمين

Eintrag von Marc Röhlig

19. Juni 2011, 19.21 Uhr, Ortszeit Heide.

Wir sind mitten in der syrischen Revolution. Die lang erwartete Rede von Syriens Präsident Bashar al-Assad enttäuschte heute Mittag das Volk. Wieder kam es zu Demonstrationen und Protesten. Assad sprach von ausländischen Saboteuren. Was viele Syrer wirklich denken? Es bleibt unklar, denn die Medien dürfen weiterhin nicht aus dem autoritär regierten Land berichten. Vor einigen Tagen habe ich noch mit einem alten Freund aus Damaskus gesprochen. Er ist mittlerweile nach Saudi-Arabien “geflohen”, er sagt: wegen der Arbeit. Aus seinen Nachrichten jedoch springt mich die Loyalität zu Assad und zur regierenden Baath-Partei an. Ich solle nicht alles glauben, was in den Medien gesagt würde, schreibt er mir. Viele, viele Leute stünden hinter dem Präsidenten. Das Militär, die Politik, die Bevölkerung. Nur einige wenige Spinner würden in den Nachrichten das Bild aus dem Inneren Syrien verzerren.

Kurze Zeit später spreche ich mit Mohammed*. Er ist Regimegegner und bleibt in Damaskus. Seine Sicht auf die Revolution sieht ganz anders aus. Er ist bereit, unter Wahrung seines echten Namens, für uns zu berichten. Er will der westlichen Welt eine Innenansicht auf die Revolution geben. Seinen ersten Text über die Erwartungen an die Rede Assads können Sie in Kooperation mit dem Norddeutschen Rundfunk hier lesen: http://www.n-joy.de/news_wissen/assad137.html.

Eintrag von Simon Kremer

14. Juni 2011, 20.01 Uhr, Ortszeit Nordhausen.

Syrien erhält sein Hama 2.0 – und die Welt schaut weiter weg. “Geopolitische Lage” ist das Zauberwort, mit dem sich die Staatengemeinschaft um eine Anteilnahme drückt. Auch wenn gar kein Zauber darin liegt. So könne man die Verhältnisse in Damaskus nicht verändern, noch nicht einmal mißbilligend beobachten – denn zu viel hänge am Status Quo in Syrien. Iran ist da ein Beinahe-Nachbar, Israel ein direkter. Libanon und Irak hängen gebeutelt in West und Ost. Zu riskant sei also, irgendwas vor Ort ändern.

Dabei ändert sich so vieles: Assad geht mit nie gezeigter Härte gegen sein Volk vor. Immer stärker regt sich der Unmut in der Bevölkerung. Meine Freunde auf Facebook schweigen schon lange – die syrischen Aktivisten (aus dem Ausland wohlgemerkt) schreiben dafür umso lauter. Beides sind keine guten Zeichen. Längst flüchten im Norden Dutzende Syrer über die Grenze in die Türkei.

Und hier liegt eine kleine Hoffnung: Wenn sich die Vereinten Nationen, wenn sich Europa und USA unwillig zeigen, auf die Misere in Syrien zu reagieren – dann ist es jetzt an der Zeit, dass regionale Nachbarn ihre Stärke zeigen. Erdogan hat in der Türkei am Sonntag eine dritte Amtszeit gewonnen. Er ist mächtig und im Nahen Osten beliebt. Eine türkische Intervention, diplomatisch und mit Nachdruck, könnte in Damaskus einiges bewegen. Und – was für ein Wunder wäre das – vielleicht interessiert sich auch Israel für seinen Nachbarn. Und beginnt mit Außenpolitik. Nicht, um den Status Quo zu erhalten – aber um einen Status Novus zu erarbeiten.

Eintrag von Marc Röhlig

7. Juni 2011, 16:39 Uhr, Ortszeit Hamburg.

Das Soukmagazine geht offline: Und zwar live und unter freien Himmel. Am Pfingstwochenende wird in Hamburg ein neues Areal der HafenCity mit einem großen Bürgerfest eingeweiht. Unter dem Motto: “Brückenschlag”. Weil auch wir von Soukmagazine.de eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen möchten, sind wir selbstverständlich vor Ort und wurden eingeladen, während des Festes aus unserem Buch “Die Morgenlandfahrt” vorzulesen. Am Freitag (10.6. ab 17:30 Uhr) und Samstag (11.6. ab 13 Uhr) werde ich also viel, viel Zeit haben, all die schönen Reportagen und Portraits unserer Autoren vorzulesen. Damit ich dabei nicht ganz alleine bin, seid Ihr herzlichst eingeladen in den Magedburger Hafen an der Osakaallee in Hamburg. Freue mich darauf unsere Leser auch “in echt” mal kennen zu lernen. Und zwischen den einzelnen Lesungen bleibt auch sicher viel Zeit für den Austausch.

Weitere Informationen unter: http://www.hafencity.com/de/veranstaltungen/hafencity-brueckenschlag.html

Eintrag von Simon Kremer

 

10. Mai 2011, 19.30 Uhr, Ortszeit Freiburg.

Gewinner Online: Simon Kremer (links) und Marc Röhlig nach der Verleihung...

Hammer! Wir haben tatsächlich die Kategorie Online abgeräumt. Beim gestrigen CNN Journalist Award ging die Trophäe an Simon und mich für unsere Multimedia-Reportage aus der Damaszener Altstadt.

Die Jury über unsere Reportage:

Frederik Pleitgen, CNN Korrespondent: „Simon Kremer und Marc Röhlig haben von allen Möglichkeiten des Online Gebrauch gemacht und gleichzeitig eine sehr gute Geschichte erzählt. Insofern fand ich das insgesamt ein sehr stimmiges Produkt.“

 

 

Franz Fischlin, Moderator, Redaktor und Reporter der Tagesschau des Schweizer Fernsehens: „Ich konnte etwas sehen, ich konnte etwas lesen, ich konnte etwas antippen und ich konnte eintauchen – also das ist für mich online.“

 

 

 

...und nach der "Verdauung".

Die Verleihung fand gestern im GOP Variete Theater in München. CNN hat in den Kategorien TV, Radio, Print und Online ausgezeichnet. Der Münchner Journalist Benjamin Best wurde für seinen WDR 5-Radio Beitrag „Tor, Sieg, Betrug – Wettmanipulation im Sport“ zum Gesamtgewinner, dem „CNN Journalist of the Year 2011“, gekürt. Von CNN zu Gast waren der CNN Lead Political Anchor Wolf Blitzer, der extra aus Washington, D.C. anreiste, sowie Katherine Green, Senior Vice President of Programming CNN International.

Die Auszeichnung verstehen wir als ganz besonderes Lob – vor allem, weil mit uns Sebastian Christ und Britta Radike mit ihrer Afghanistan-Multimedia-Erzählung nominiert waren. Beide Texte zeigen: Guter Auslandsjournalismus hängt von Kreativität und Leidenschaft – nicht vom Budget großer Verlagshäuser ab!

Und es gibt noch einen Grund zur Freude: Bereits am 5. Mai wurden in Berlin der Axel-Springer-Preis – den soukmagazine.de vergangenes Jahr erhielt – verliehen. Michael Hauri konnte in der Kategorie Online den ersten Platz mit seiner Video-Reihe “Und dann wurde ich Muslim” gewinnen. Hauri hat die Geschichte bei 2470media und bei uns veröffentlicht – wir gratulieren ihm voller Stolz!

Eintrag von Marc Röhlig

 

6. Mai 2011, 13.52 Uhr, Ortszeit Freiburg.

Mit zwei Nominierungen ist soukmagazine.de beim diesjährigen CNN Journalist Award dabei. Am Montag wird die Preisverleihung in München stattfinden. Mit dabei: Autor Sebastian Christ und die Redakteure Simon Kremer und Marc Röhlig. Wenn Sie live zuschauen möchten, können Sie ab 19.45 Uhr unseren Live-Stream verfolgen. Der Preisträger in der Kategorie Online wird nach den Gewinnern aus Print und Radio bekannt gegeben. Im Anschluss folgt der Preis für den besten TV-Beitrag und die Auszeichnung für den “Journalist of the Year”.

Hier geht’s zum Livestream!

Eintrag von Marc Röhlig

26. April 2011, 18.42 Uhr, Ortszeit Freiburg.

Auf das “Karfreitagsmassaker” folgte ein weiteres: Syriens Regierung schickte am Ostermontag Panzer, um Dar’aa von angeblichen Unruhestiftern zu befreien. Tatsächlich war es ein direkter Angriff auf das Herz des Aufstands. Bashar al-Assad hat sich für die Konfrontation entschieden – dem Land stehen nun schwierige Zeiten bevor. Yassin Musharbash hat auf SPON eine kluge Analyse zur syrischen Situation geschrieben…

Der Ausblick seines Kommentars ist realistisch. Und düster. Was einen hoffnungsvollen guten Ausgang für die Proteste in Syrien schwierig macht sind neben der Kraft des Assad-Clans auch die Mobilisierungmöglichkeiten der Opposition: Es fehlt in Syrien immer noch an einem breiten Wir-Gefühl. Gab es am Nil schon bald überall Plakate, die “Kullna Misry” – “Wir sind alle Ägypter” – verkündeten, so fehlte dies in Syrien bislang. Die Insignien der Nation sind von dem Regime okkupiert, den Demonstranten bleiben keine einenden Landesfarben.

Nun, mit den blutigen Angriffen auf Dar’aa, scheint die Opposition ihr PR-Programm gefunden zu haben: “Dar’aa ist überall” schreiben sie in ihren Facebook-Gruppen. Massentauglich ist das leider noch nicht: Viele Syrer halten sich online bedeckt; schreiben unter falschen Identitäten oder löschen ihre Profile. Die syrische Gesellschaft mag die Unrechtstaten des Regimes nicht länger hinnehmen – zu massenhaften Protesten und offenem politischem Diskurs fehlt dennoch vielen der Mut. Der kommende Freitag wird zeigen, wie viel Oppositionswille sich gegen Assad und seine Regierung mobilisieren lässt.

Der Tag wird wahrscheinlich der Wegweiser sein, was Syrien in den nächsten Wochen bevorsteht.

Eintrag von Marc Röhlig

17. April 2011, 12.20 Uhr, Ortszeit Dahab.

Dahab gilt eigentlich als ruhiges Pendant zu Sharm el-Sheikh: Chill-Out-Lounges mit Sitzkissen am Meer statt Nachtclubs, kiffende Hippies statt russische Saufgelage. Doch momentan scheint Dahab besonders ruhig. Viele Hotels wirken gespenstisch leer. An manchen Hotel-Pools sonnt sich nur ein einziges Urlauber-Pärchen. Die sonst so hartnäckigen Restaurant-Werber wirken fast verzweifelt, wenn sie das Essen ihres Restaurants anpreisen. Ein Sonderangebot nach dem Anderen: Vor- und Nachspeise umsonst, 20 Prozent Nachlass auf das Hauptgericht. Ein anderes Restaurant serviert einem unaufgefordert Eis zum Nachtisch – ebenfalls kostenlos.”Es ist nichts los, mein Chef hat mir extra Urlaub gegeben”, erzählt Ahmed, der als Kellner in einer der Strand-Lounges arbeitet. “Das ist wegen der Revolution”, meint er weiter. Dabei sei hier in Dahab doch gar nichts davon zu spüren.  Er selbst habe nichts von den Demonstrationen im Rest des Landes. “Die Revolution ist mir egal”, sagt er. Dahab ist sowieso schon zu groß geplant für zu wenige Touristen. Die Uferpromenade schlängelt sich nach dem letzten Restaurant noch einige Kilometer am Meer entlang und  führt schließlich ins Nichts. Die schon angebauten Laternen sind zertrümmert, ein leeres Eishäuschen steht mitten im Nirgendwo. Neben der Promenade stehen Rohbauten an denen nicht weiter gebaut wird, zwischen den Säulen liegt Müll, es riecht nach Fäkalien. Vor einem Jahr sah es hier, außerhalb des Ortes, genauso aus. Die Ägypter hatten wohl Großes vor mit Dahab. Seitdem hat sich nicht wirklich viel getan. Ob der Ausbau der Hotelanlagen nun weitergeht ist fraglich. Bis dahin bleibt den Werbern nichts anderes übrig, als sich weiter mit ihren Angeboten zu unterbieten.

Eintrag von Jan Hendrik Hinzel

11. April 2011, 16.04 Uhr, Ortszeit Kairo.

Eine Woche Blitzbesuch in Kairo, beinahe Revolutionstourismus, was bleibt?

Ich sitze in einem Shisha-Café und atme den Dampf von Traubentabak. Kairo ist schnell, laut und schmutzig. Am ausgestreckten Arm dröhnt der Verkehr vorbei, streundene Hunde, hupende Taxis, Eselkarren mit Marktschreiern. Am Nachbartisch paffen Männer, sitzen in Seelenruhe dahin. Sie reden über die Revolution, im Fernsehen wird die Rede Mubaraks wiederholt. Der hatte sich aus seinem Fluchtpunkt in Sharm ash-Sheikh geäußert; nie habe er Gelder veruntreut, eine Kampagne laufe hier gegen ihn. Die Staatsanwaltschaft hat nun – den letzten Protesten gefolgt – Anklage gegen ihn erhoben.

Die Schießereien nach dem letzten Freitag auf dem Tahrir-Platz, das Aufbäumen zwischen Militär und Aufrührern, waren nur kurzer Lakmustest zur Stimmung im Land. Am Folgetag blieben Krawalle aus; trotz oder weil sowohl Demonstranten (“Wir bleiben die ganze Nacht”) und Militär (“Die Ausgangssperre wird durchgesetzt”) ihre Absichten beteuerten. Ägypten will vorankommen; mehr Blut, gar eine Konterrevolution will es nicht.

Am Nachbartisch sind die Männer nun schnell wieder beim Gleichmut angekommen. Eine Katze gähnt auf einem Plastikstuhl, ein Großvater hebt seinen Enkel auf den Schoss. Die Ägypter sind umtriebig, laut, immer in Bewegung – und ruhen dennoch in ihrer unendlichen Hektik. 7000 Jahre Geschichte zeichnet das Land. Da kann man auf den Lauf der Geschichte warten und sich am Leben vorbeieilen lassen. Diese Erkenntnis ist wohl wichtig für die Geschichte, die hier derzeit geschrieben wird.

Eintrag von Marc Röhlig

10. April 2011, 10.14, Ortszeit Kairo.

Verkäufer auf dem Tahrir

Kandierte Äpfel zur Revolution: "Angespannte Stimmung", Foto: Borgans

Es fühlte sich an wie die Ruhe vor dem Sturm – der dann zum Glück doch ausblieb. Nachdem es in der Nacht von Freitag auf Samstag am Tahrir-Platz zu Straßenschlachten zwischen Armee und Demonstranten kam, war der Platz in der Nacht von Samstag auf Freitag ruhig. Die scherzenden Demonstranten konnten die angespannte Grundstimmung jedoch nicht überspielen. Viele erwarteten, dass das Militär den Platz in der Nacht räumen würde. Die beliebte Bar “Horreya” schloss früher – man hatte Angst vor möglichen flüchtenden Demonstranten, die dort Zuflucht suchen könnten. Von den Demonstranten auf dem Platz zeigten sich einige gereizt und nervös. Später wurde ich von ihnen öfters daran gehindert zu fotografieren. Gegen 1.15 Uhr verließ ich den Platz, denn die Ausgangssperre gilt immer noch: Um zwei Uhr sollten alle zuhause sein. Vereinzelte Gestalten liefen noch Richtung Tahrir-Platz, andere – zum Beispiel Familien mit Kindern – stiegen in die wenigen Taxis. Noch nie habe ich die Straßen in Kairos Innenstadt nachts so leer gesehen.

 

 

Eintrag von Jan Hendrik Hinzel

 

 

 

9. April 2011, 12.34 Uhr, Ortszeit Kairo.

Was friedlich begann, endete gewaltvoll. Gestern haben Jan Hendrik Hinzel und ich den Tahrir-Platz besucht. Es waren die größten Demonstrationen seit dem Sturze Mubaraks. Zehntausende versammelten sich seit dem Mittagsgebet, um die Übergangsregierung des Militärrats zu mehr Entschlossenheit aufzufordern: Endlich ein Prozess für Mubarak und seine Minister! Endlich Schluss mit Korruption und Vetternwirtschaft!

Das größte Problem des Protestes seit dem 25. Januar waren aber nicht seine Ideale – es war sein Auftreten selbst. Kairo ist eine 22-Millionen-Einwohner-Stadt. Auf den Tahrir-Platz passen davon nicht mal ein Prozent. Geht man zwei Straßenzüge weiter oder setzt man sich in die Metro, die unter dem Tahrir verkehrt – dann scheint es, als habe es in Ägypten nie eine Revolution gegeben. Das Leben läuft hier in normalen Bahnen. Es ist vielleicht schick, mal ein paar Stunden auf dem Tahrir-Platz mitzumischen, aber politische Ziele zu verwirklichen ist eine ganz andere Dimension.

Die Ägypter haben ihre schwierigste Aufgabe nicht in der Formung eines neuen politischen Systems – sie haben es in der Formung einer neuen Gesellschaft.

Doch in der Nacht zum heutigen Samstag wurde alles anders. Viele Demonstranten blieben, das Militär rückte auf. Kreiste es am Nachmittag noch mit Helikoptern über dem Platz, so zog es gegen zwei Uhr morgens Panzer und Mannschaftswagen in den Seitenstraßen zum Tahrir zusammen. Es besteht eine Ausgangssperre zwischen zwei und fünf Uhr morgens. Ab 2.30 Uhr eröffneten die Soldaten das Feuer, bis in die Morgenstunden gab es Gefechte zwischen den Demonstranten und dem Militär; Augenzeugen berichten von Toten und Verletzten.

Jetzt ist der Platz wieder voll. Mehrere Tausende haben sich versammelt und skandieren gegen Tantawi, den Oberbefehlshaber beim Militär. Es riecht nach verbranntem Gummi und Schwefel; ausgebrannte Busse stehen in der Platzmitte. Kinder halten Patronenhülsen in die Kameras: Seht, hier wurde scharf geschossen. In der Ecke liegen Vorratsbeutel mit weiteren Herzeig-Patronen. Protestler haben Soldatenhelme erobert, andere richten Trauerstellen an den Orten ein, wo noch das Blut der Nacht klebt. Auf Twitter und Facebook mutmaßen die Jugendlichen, die Krawalle seien herbeigeführt – viele hätten gesehen, dass zu Mitternacht zwielichtige Protestler auf den Platz strömten. Ein Demonstrant schimpft auf das harte Vorgehen der Soldaten: “Es ist genau wie am 28. Januar!” Damals ließ Mubarak Kamele durch die Menge peitschen.

Ägyptens Revolution ist noch lange nicht vorbei. Sie beginnt gerade erst.

Impressionen vom Morgen nach den Krawallen:

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Die Wut ist groß: Aufständische errichteten in der Nacht Barrikaden gegen das Militär...

Eintrag von Marc Röhlig

6. April 2011, 8.01 Uhr, Ortszeit Kairo.

Händler am Tahrir-Platz

Was für eine eilige Stadt, was für eine entspannte Stadt. Kairo ist auf Anhieb laut, pulsierend, nervtötend. Und seine Menschen sind dabei so gelassen, fröhlich, beschwingt. Die ägyptische Hauptstadt setzt sich aus Kontroversen zu einem kunterbunten Mosaik zusammen.

Seit Montag bin ich in Kairo, Hendrik ist schon länger hier. Die Stadt, sie war lang und intensiv in den Medien. Der Tahrir-Platz ist plötzlich ein historischer Ort, der 25. Januar kein bloßes Datum mehr. Wir wollen nun Kairo wahrnehmen, wie es sich selbst wahrnimmt: Was sagen die Ägypter im Monat Zwei nach Mubarak? Wohin soll ihr Land gehen?

Die Revolution ist überall. Das sie eine Revolution ist, da ist man sich hier einig. Die ersten Enthüllungsbücher über Husni Mubarak stehen in den Regalen. Straßenpfeiler sind in frischen Nationalfarben angemalt. Kunstgallerien und Häuserwände zeugen von Revolutions-Graffiti – die Macht der Bilder wird hier derzeit neu gelernt. Aber Resignation macht sich auch breit: Wohin wollen wir eigentlich, fragen sich derzeit viele. Fast täglich werden neue Parteien gegründet, splitten sich alte auf. Überall gibt es kleine Demonstrationen vor den Regierungsgebäuden; Empörung ist jetzt eine Art Nationalsport. Doch während die einen “das nächste große Ding” planen, um die Übergangsherrschaft des in ihren Augen trägen Militärs loszuwerden rufen die anderen “bloß nicht”. Den die Revolution vom Tahrir-Platz ist vor allem das: Ein Aufstand auf dem Tahrir-Platz, keiner vom ganzen Land. Hauptziel der Revolutionäre wie auch der Verweigerer, Frustrierten, Skeptiker wird nun werden: den gemeinsamen Mittelweg finden.

Die Revolution in Ägypten ist in aller Munde. Leicht ist sie deshalb aber nicht.

Eintrag von Marc Röhlig

2. April 2011, 14.22 Uhr, Ortszeit Ain al-Soukhna, Ägypten.

Wenn ich an Ahmeds Stirn fasse, kann ich den Scherbensplitter noch fühlen, der unter seiner Haut steckt. Er hat eine Flasche an den Kopf geworfen bekommen als er während der Proteste im Januar auf dem Midan Tahrir protestieren war.

Jetzt sitzt er hier im Hotelzimmer und erzählt von der Revolution. Seit dem ersten Tag war er dabei. Anfangs haben er und seine Freunde einfach auf der Straße übernachtet, später brachten Bekannte Zelte.

Ich bin in Ain al-Soukhna am Roten Meer und besuche eine Konferenz namens “Young Leaders Forum” Untertitel: “Egypt at the Crossroads.” Zehn Deutsche und zwanzig Ägypter diskutieren ohne Ziel und Agenda über alle möglichen Themen, die ihnen auf dem Herzen liegen, angefangen bei Sexualkundeunterricht, islamische Staaten, westliche Vorurteile aber vor allem und immer wieder über die Ereignisse vom Januar.

Denn fast jeder der hier anwesenden – alle Teilnehmer arbeiten für eine NGO – war irgendwie an den Protesten beteiligt. Nicht alle waren von Beginn an am Midan Tahrir, eine Teilnehmerin aus Alexandria zum Beispiel hat hauptsächlich über das Telefon ihre protestierenden Freunde informiert, was gerade im Fernsehen berichtet wird.

So sitzen wir hier tagsüber in kleinen Gruppen am Strand und diskutieren. Der Redebedarf bei den Ägyptern ist groß, Scheu vor kontroversen Themen gibt es eigentlich nicht. Die jungen Ägypter, die hier teilnehmen, mögen vielleicht nicht repräsentativ für alle ägyptischen Jugendlichen sein, aber sie vermitteln durch die Gespräche dennoch einen guten Eindruck über die Wünsche und Sehnsüchte ihrer Generation. Sollten die hier diskutierenden Ägypter tatsächlich einmal die Geschicke ihrer Gesellschaft oder gar ihres Landes mit lenken, lässt dies zumindest viel Positives erwarten.

Eintrag von Jan Hendrik Hinzel

 

29. März 2011, 12.02 Uhr, Ortszeit Gera.

Doppelt hält besser: soukmagazine.de ist beim diesjährigen CNN Journalist Award gleich mit zwei Geschichten in der Kategorie Online nominiert. Sowohl die multimediale Gesellschaftsstudie “Die gleichzeitige Stadt” von Simon Kremer und Marc Röhlig wie auch das Afghanistan-Stimmungsbild “Das Knurren des Panzers im Frühling” von Sebastian Christ können auf einen Preis hoffen.

Dritter Mitbewerber ist das WM-Reisetagebuch “Von Kairo zum Cup” von Simon Riesche. Die Preisverleihung wird am 9. Mai in München stattfinden.

Eintrag von Marc Röhlig

24. März 2011, 22.16 Uhr, Ortszeit Gera.

Auch in Syrien arbeiten Demonstranten am Sturz der Regierung. Zuerst wurde der Aufstand vor allem von Exil-Syrern auf Facebook organisiert; vor allem die Gruppe “The Syrian Revolution 2011″ befeuert den Aufstand. Wurden in den letzten Wochen Demo-Aufrufe und Wut-Tiraden gepostet, hat sich seit einer Woche das Profil der Seite geändert: Nun zeugen YouTube-Videos und Handyfotos von der vertuschten Gewalt im Land. Bashir al-Assads Regierung hat Aufständige niedergeschlagen und verhaftet, Oppositionelle berichten von bis zu Hundert Toten.

In Syrien hat es die Opposition schwer, sich gegen die Regierung des Assad-Clans zu behaupten. Eine Revolution wird hier schwerer als in Ägypten werden. Syrien, das haben Simon und ich in unserer Zeit dort erleben müssen, ist verwickelt in Angst und Cleverness. Der Geheimdienst wurde über Jahrzehnte zu einem wirkvollen Appart aufgebaut, den jeder Syrer fürchten muss. Mit ihren Massaker in Hama machte die Assad-Familie der syrischen Bevölkerung klar, was sie von Aufstand hält – das Ereignis steckt der Bevölkerung bis heute wie ein Stachel im Gedächtnis.

Zur stillen Angst kommt die Cleverness: Der Syrer hat sich in der Repression eingerichtet und lebt in Nischen. Der Job ist unterbezahlt? Mit nächtlichen Zweit- und Drittjobs kommt man über die Runden. Der Polizist will einen Strafzettel verteilen? Mit einem Präsidentenfoto in der Heckscheibe wird er milde gestimmt. Wer Familie hat, überlegt es sich zweimal, ob er dieses austarierte Leben im Diktaturschatten bei einem “Tag des Zorns” riskieren will.

Aber Kritik kommt dann doch an, ebenso still und clever, am Geheimdienst vorbei, wie es die Syrer auch im Alltag machen. Ein Freund lud vor zwei Tagen auf seinem Facebook-Profil Handyfotos von der blühenden Ghuta, dem Naherholungspark in Damaskus hoch. Dazu schrieb er: “It is Spring in Damascus…” – und das lässt sich auf verschiedenen Wegen lesen.

Für den morgigen Freitag wurden auf Facebook und Twitter neue Demonstrationen angekündigt. Von den Mutigen.

Eintrag von Marc Röhlig

21. März 2011, 19.21 Uhr, Ortszeit Gera.

Wie lässt sich die Haltung der Bundesregierung zur UN-Resolution verstehen? Es ist ja nicht mal eine Haltung – sondern eine Enthaltung. Ja, man finde es grundsätzlich richtig, den Aufständigen beizustehen. Aber nein, militärisch eingreifen wolle man nicht. Natürlich: Ein Militärschlag, gerade der NATO, bringt dem Land nur kurzzeitig Linderung. Und Deutschland muss nicht in jeden Konflikt Soldaten entsenden. Aber es muss Rückgrat zeigen! In Libyen kämpfen Aufständige gegen einen verrückten Herrscher. Und sie fordern internationale Hilfe ein. Selbst die Arabische Liga will UN-Unterstützung. Ein Ja von Deutschland wäre richtig gewesen, ein Ja wäre genau das richtige Signal auch an die Demonstranten in Bahrain, Jemen und Syrien.

Wenn Demonstranten den Mut aufbringen, gegen Diktatoren zu kämpfen – dann muss der Westen den Mut aufbringen, ihre Hilferufe zu hören. Er soll sich nicht überall einmischen, aber er muss dort helfen, wo man ihn um Hilfe bittet. Die libyschen Rebellen tun genau dies. Was sie brauchen, ist eine klare Hilfe von Seiten der UN und der EU. Und noch eine dritte Partei sollte mehr in die Verantwortung genommen werden. Nicht etwa die NATO oder die Vereinigten Staaten: sondern die arabischen Nachbarn. Sie müssen lernen, sich untereinander zu stabilisieren!

Eintrag von Marc Röhlig

20. Februar 2011, 17.03 Uhr, Ortszeit Berlin

Der Westen schweigt mal wieder. So wie er vom Aufstand in Tunesien überrascht und von der Revolte in Ägypten überfordert war – so scheint er nun der weiteren Unruhen im islamischen Raum überdrüssig. Die westlichen Regierungen stellten in ihren diplomatischen Beziehungen zum Orient zuletzt immer Stabilität vor Freiheit. Staatsoberhäupter, die im Landesinneren wie Despoten regieren, waren okay – solange sie auf internationaler Ebene “lupenrein” daherkamen. Auch in den Medien heißt Mubarak erst sein einigen Wochen Diktator. Über die Jahre war er bisher schlicht Präsident.

Mit dem Zögern (und Zaudern vor vermeintlichen Muslimbrüdern) war dann im doppelten Falle Ägyptens Schluss: Ein Hoch auf die Freiheit! Außerdem auf das Internet! Und, klar, auf die Demokratie nach westlichem Vorbild. Das Netz war wichtig für die Ägypter. Aber wichtiger noch war der Mut, auf der Straße für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Von Demokratie reden die Ägypter hierbei nicht – viel wichtiger, sie reden von Freiheit und Menschenrechten.

Aktuell gehen die Revolutionen weiter: In Libyen, in Algerien, im Jemen, in Bahrain, im Iran, verhaltener in Jordanien und Syrien. Was die Demonstranten dort brauchen, ist nun weltweiter Zuspruch. Wir müssen den Arabern und Persern, die ihre Herrscher abschüttelt wollen, nicht erklären, wie Revolution funktioniert. Aber wir sollten ihnen signalisieren, dass wir mehr machen, als nur atemlos zuschauen: Wir unterstützen euch! Wir hoffen mit euch! Wir werden euren “Präsidenten” nicht länger den Rücken stärken…

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In eigener Sache: Die soukmagazine-Autoren Christina Schmitt, Jan Hendrik Hinzel und Marc Röhlig werden im April nach Kairo reisen, um von dort über die Nachwehen der Revolution zu berichten: Wie geht der Aufbau der Gesellschaft voran? Welche Hoffnungen tragen nun die Kinder der Revolution?

Das Redaktionsteam von soukmagazine.de wurde in der aktuellen Ausgabe des medium magazins zu den Journalisten des Jahres 2010 der Kategorie “Newcomer” gewählt. Wir möchten uns an dieser Stelle für die besondere Ehre bedanken.

Eintrag von Marc Röhlig

1. Februar 2011, 15.12 Uhr, Ortszeit Freiburg

Der Reigen geht wohl weiter: In Kairo demonstrieren heute zwei Millionen Regimegegner. In Jordanien entlässt der König seine Regierung. Und eine syrische Facebook-Gruppe, “Der Zorn der Syrer”, plant die Revolution in Damaskus. Motto: Weg mit Bashir al-Assad! Termin: Ab diesem Freitag.

Na dann…

Eintrag von Marc Röhlig

29. Januar 2011, 18.21 Uhr, Ortszeit Freiburg
Die NDP-Parteizentrale brennt in KairoNoch vor drei Tagen hatte Christina Schmitt die Lage als zu verworren eingeschätzt, als dass sich eine breite Masse gegen Mubarak erheben könne. Sie bezog sich damit auf die Meinung vieler Ägypter, dass zum Demonstrieren wohl der Mut fehle. Auch wir anderen soukmagazine-Redakteure haben von unseren ägyptischen Freunden Ähnliches gehört: Für eine gewaltsame Demonstration fehlt die tatsächliche Verzweiflung im Volk.

Und doch war sie da. In der Nacht zum Freitag schaltete die ägyptische Regierung das Internet ab und trennte die Prostlter damit von ihrer weltweiten Plattform. Kurz darauf wurde auch das Mobilfunknetz lahmgelegt. Christina Schmitt meldete sich noch mit einer SMS; sie werde jetzt wohl ins “19. Jahrhundert” katapultiert. Ab dann Funkstille.

Auf Al Jazeera konnten wir verfolgen, was die Nacht brachte: Tausende auf den Straßen; gewaltbereite Polizisten, aber friedliche Militärs; ein lange passiver Mubarak; Explosionen, Plünderungen und Tote. Die Ägypter sind nun selbst überrascht von ihrer Macht. Waren wir das? Haben wir die alte Regierung zur Auflösung gebracht? Haben wir diese Stärke?

Mit Christina konnte ich heute für ein paar Minuten telefonieren – nun ist der Empfang wieder weg. Sie hatte nie vor, sich in die Demonstrationen ziehen zu lassen – dennoch überschlugen sich gestern Abend die Ereignisse und brachten auch sie in Bedrängnis. Christina geriet mit einem Freund in eine Gruppe von Demonstranten, die vor der Polizei flohen. “Wir wollten uns in ein Hotel flüchten”, berichtet Christina, “aber die verwehrten uns den Eintritt”. Schutz fanden sie stattdessen in einer Seitenstraße. Mit ansehen mussten sie allerdings, wie die Polizei viele Demonstranten in enge Gassen trieb – und “erst dort auf engem Raum Tränengas und Gummigeschosse in die Menschen feuerte”.

Christina blieb zum Glück unverletzt und konnte später bei Freunden unterkommen. Vom Balkon aus sahen sie die Explosionen der Nacht, die brennenden Autos und die Feuer, die Plünderer in Einkaufshäusern legten.

Wir freuen uns, dass es ihr gut geht und sind in Gedanken bei ihr in Kairo! Abseits der aktuellen Nachrichten empfehlen wir die Recherche zu den Facebook-Revoluzzern von Christina auf SPIEGEL ONLINE.

Eintrag von Marc Röhlig

26. Januar 2011, 16.04 Uhr, Ortszeit Kairo.

„Die Ägypter reden nur, machen dann aber doch nichts“, sagt Mohamed, ein Taxifahrer in Kairo. „Hanshuf – wir werden sehen“, schiebt er noch nach. Und dann ist doch etwas passiert: Mehrere Tausend Ägypter sind gestern am Aid ash-Shurta, dem „Festtag der Polizei“, auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten. Gegen Armut, gegen Arbeitslosigkeit, gegen die Regierung.

Die Stadt ist wieder ruhig, kein Hupen, freie Straßen. Doch an den Zugängen zum zentralen Platz in Downtown, dem Midan Tahrir, stehen Polizisten. Ein Trupp von 200 Protestlern möchte die Löwenbrücke passieren. Sie dürfen. „Allahu akbar“ rufen sie dankbar. Einige halten sich Tücher vor ihre Gesichter. Gestern Abend war der Midan Tahrir Adresse Nummer Eins für die Protestler. Seit Nachmittag hatten die Ägypter an verschiedenen Plätzen protestiert,  nun versammelten sie sich hier am Midan. Erst wenige Stunden zuvor hatte die Polizei Tränengas versprüht, um eine andere Demonstration zu zerstreuen.

Angeblich waren es 10.000 gestern Abend. Der Platz war dennoch nicht voll, die einzelnen Gruppen liefen in verschiedene Richtungen, uneins, ohne genaues  Ziel. Sprechchöre forderten Freiheit für Ägypten und immer wieder riefen sie: „Nieder mit Husni!“ Doch nach kurzer Zeit verstummten sie wieder. Die Demonstranten sind jung, die meisten wahrscheinlich Studenten. Dann flogen Steine, die Menge setzte sich in Bewegung, sie rannten. Die Polizisten wichen zurück.  Weitere Polizeitruppen kamen herbei, schritten aber nicht ein. Bilder – und Resultate – wie in Tunesien will die ägyptische Regierung verhindern. Auf einer Verkehrsinsel faltete ein Demonstrant seine Ägyptenflagge aus und legt sie auf den Boden. Er betet.

„Das sind zwar viele Demonstranten für Ägypten, aber eine Revolution sieht anders aus“, sagt Volkmar, ein deutscher Student. Die Handynetze sind nun lahmgelegt, Twitter ist mittlerweile geblockt. Sich zu organisieren wird immer schwieriger. Die Proteste dauerten gestern dennoch bis circa Mitternacht, einige der Demonstranten wollten am Midan Tahrir schlafen. Die Restaurants verteilten Essen, Anwohner brachten Getränke und Decken. Es kursieren Gerüchte, Gamal, der Sohn Mubaraks, habe mit seiner Familie das Land verlassen. Die Regierung wolle nun auch noch Facebook blocken. In Suez hätten Polizisten scharf auf Demonstranten geschossen. Später, um etwa 1.30 Uhr, feuerte die Polizei Tränengas in die Luft, zielte mit Gummigeschossen und Wasserwerfern auf die Demonstranten. Es war das Ende der Demonstration am Tahrir, erst einmal.

„Ich glaube nicht, dass sich etwas verändern wird“, sagt ein junger Ägypter, der in einem Supermarkt arbeitet. „In Kairo wohnen 20 Millionen Menschen. Mit 10.000 Demonstranten, mit einer solchen Minderheit, kann man hier keinen Umsturz erreichen.“ Roger, ein ägyptischer Fotograf, ist begeistert: „So etwas gab es hier noch nie. Das war eine wirklich große Demonstration“, sagt er. Mohamed ist derselben Meinung. Er selbst war allerdings bei keiner Demonstration. „Ich musste leider arbeiten. Aber das nächste Mal bin ich dabei – und dann gehen vielleicht noch viel mehr Menschen auf die Straße“. Hanshuf – wir werden sehen.

Eintrag von Christina Schmitt

14. Januar 2011, 18.43 Uhr, Ortszeit Freiburg.

Vor gut einem Jahr waren Simon Kremer und ich zu einem Journalisten-Treffen in Tunesien. Wir lernten junge Tunesier kennen, andere Journalisten, Akademiker, aber auch Schuhputzer, Verkäufer. Wer zuerst von Tunesien hört, der denkt an Ferienclubs, Karthago und Mittelmeerstrände. Er glaubt nicht, dass im Land ein Diktator herrscht, der die Jugend ohne Perspektiven lässt und ohne Aussicht auf Arbeit. Dass so viele weg wollen aus diesem schönen Land, nach Europa, in die Freiheit. Man glaubt nicht, dass die Behörden Schwierigkeiten machen und Recherchen verhindern oder dass Polizisten in zivil Interviews vom Nachbartisch aus belauschen. Den Druck, der im Land herrscht, realisierten wir erst Stück für Stück. Dass der Landesherrscher sein Konterfei an jede Häuserfassade hängt, kannten wir aus Syrien. Nun wussten wir: Tunesien ist also auch so ein Land.

Aktuell bricht sich die Wut und Perspektivlosigkeit Bahn. Die jungen Tunesier gehen auf die Straße. Das ist nicht schön, aber dringend nötig. Die Jugend organisiert sich online, auf Facebook & Co. hört ihr die Weltöffentlichkeit zu. Hier ist eine Kraft am Werk, die nicht am eigenen Status-Update interessiert ist – sondern am Status einer Gesellschaft. Ben Ali, der Herrscher von Tunesien, hat – so schreibt man sich auf Facebook – in diesen Minuten die Hauptstadt verlassen. Zum Schutz. Eine Regierungsumbildung ist angekündigt. Ein Sieg für die, die aufbegehren. Wir freuen uns für unsere Freunde und Kollegen in Tunis!

Nachtrag 18.55: Die Flucht nun auch auf SPON bestätigt – Al-Jazeera schreibt sogar von einer Übernahme durch das Militär.

Eintrag von Marc Röhlig

8. Januar 2011, 15.45 Uhr, Ortszeit Dresden.

Genug mit Jahresrückblicken und volle Konzentration auf 2011. Eigentlich. Denn das neue Jahr beginnt ähnlich erfolgreich wie das alte aufgehört hat. Gestern haben wir unsere Januarausgabe vom “Medium Magazin” bekommen, in der auch die besten Journalisten des Jahres 2010 in den verschiedensten Kategorien gewählt worden sind. Bei den Top Ten der Newcomer des letzten Jahres tauchte auch soukmagazine.de auf: Mitbegründer Jan Hendrik Hinzel wurde von der Jury auf Platz 6 gewählt. Immerhin zwei Plätze vor Tagesschau-Moderation Judith Rakers. Wir sagen kollektiv Glückwunsch und hoffen, dass das Jahr ähnlich erfolgreich wird wie das vergangene.

Eintrag von Simon Kremer

23. Dezember 2010, 20.32 Uhr, Ortszeit Gera.

Liebe soukmagazine-Leser,

das Jahr 2010 neigt sich dem Ende – und für unser Magazin war es ein wunderbares Jahr. Unsere Redaktion ist gewachsen, unsere Themen erstreckten sich von Marokko bis Afghanistan und von der Türkei bis in den Oman. Unser Angebot wurde in diesem Jahr mit dem Axel-Springer-Preis und dem Grimme Online Award ausgezeichnet; beides Gütesiegel, die uns mit Stolz erfüllen.

Wir möchten das erfolgreiche Jahr 2010 als Ansporn nutzen, mit soukmagazine auch weiterhin spannende Themen aus dem Orient zu liefern. Neue Reisen nach Ägypten, nach Irak und Iran sind schon geplant! Sie dürfen gespannt sein…

Die soukmagazine-Redaktion wünscht Ihnen ein Frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

12. November 2010, 5.32 Uhr, Ortszeit Teheran.

Mittwoch: “Es ist ein Puzzle”, sagt Iman, “man muss die Lücken füllen.” Er redet vom dreispurigen Highway, der uns vom Hotel zur Messe bringt. Und der noch mal drei Spuren mehr aufnimmt. Unser Auto wühlt sich durch den Teheraner Verkehr. Ein Gewimmel wie auf einem Bazar. Die Messe findet nicht nur in den Gebäuden statt, viele Stände sind draußen. Die Besucher: IT Fachleute und Konsumenten, Frauen im Tschador, dem schwarzen, bodenlangem Umhang oder mit einer schulterlangen Kapuze. Die Männer tragen Anzüge oder Freizeitkleidung. Mittags sitzen alle auf dem Rasen um die Maulbeerbäume und machen Picknick.

Nach dem Messemittag geht es zum Paintball Center. Iman, der Pressesprecher der Elecomp, hat für alle akkreditierten Journalisten ein Turnier organisiert, zum Durchatmen. Die Frauen haben Vortritt. Trotz Tarnanzug, Kopfschutz und Farbschutzhaube muss das Kopftuch aufbleiben. Es ist verdammt warm unter der Gesichtsmaske. Das Gewehr wird mit orangen Farbkugeln gefüllt, dann geht es los, mein erstes Paintballspiel. Im Iran. Das Gelände bietet Häuserwände, Sandsackbarrikaden und Reifentürme als Verstecke. Blaue Sicherheitswesten spielen gegen Grüne. Ich fliege nach zwei Minuten raus: Verdammt schmerzhaft so eine Kugel am Hinterkopf. In der zweiten Runde beschließe ich, definitiv nicht mehr getroffen werden zu wollen. Mit Erfolg. Diesmal gewinnt unser Team.

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Donnerstag: In einer Viertelstunde geht es schon wieder zum Flughafen. Gestern gab es letzte Interviews auf der Messe und dann die Abschlussveranstaltung. Schließlich eine Party für alle Journalisten. Öffentliche Veranstaltungsorte sind selten. Im Lonely Planet steht zum Punkt Nightlife in Teheran: „Dream on“. Also findet die Feier beim Pressesprecher Iman zuhause statt.

Bei Iman treffen sich IT-Fachleute und Pressebetreuer, viele seiner Angestellten sind da. Iman bringt neben dem Job auf der Messe jeden Tag eine IT-Zeitung heraus, die einzige tägliche IT-Zeitung der Welt, sagt er. Für die Party hat seine Frau Obstspieße gemacht und es gibt Bohnen mit Joghurt, Salate und Sandwiches. Der Fernseher ist gleichzeitig die Musikanlage. Iranischer Hip Hop.

Die Nacht ist lang geworden.

Eintrag von Fanny Weiß

10. November 2010, 10.11 Uhr, Ortszeit Freiburg.

soukmagazine.de hat Artikel beim diesjährigen CNN Journalist Award eingereicht. Auf der Website von CNN können Sie in einem Publikumsentscheid über Ihre Lieblingsbeiträge abstimmen. Zugegeben: Das Durchklick-Verfahren ist sehr müßig. Wir sind vertreten mit einem intensiven Einblick in Afghanistan, einem Rundgang durch die Damaszener Altstadt und einem Stadionsbesuch in Palästina.

Die Videoportraits über muslimische Konvertiten von unserem Autoren Michael Hauri sind ebenfalls im Voting. Zudem steht er auf der diesjährigen Shortlist zum Deutschen Reporterpreis. Ob er die beste Online-Reportage erhält, entscheidet eine hochkarätige Jury am 6. Dezember.

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Diese Woche befindet sich unsere Autorin Fanny Weiß zur Recherche in Iran. Hier ihre ersten Eindrücke:

Montagnacht, 12 Uhr. Start. Bevor es nach Teheran geht: Zehn Stunden Zugfahrt nach Kopenhagen, dann zu Iran Air. Die Frau vor mir trägt transparente Strumpfhosen und Overknee-Stiefel – Ich habe vier Kopftücher eingepackt. Im Flieger überall persische Gesichtszüge. Mein Begleiter und ich sind die einzigen, die deutsch aussehen. Viele Familien, Frauen mit offenem Haar. Zum ersten Mal Iran; wir wollen auf die Elecomp, die wichtigste IT-Messe Irans.

Kurz bevor der Flieger landet: Kopftuchzeit. Ich mache es den Frauen nach und hole mein Tuch aus der Tasche. Locker um die Schulter geschwungen, die iranische Variante. Es sieht elegant und lässig aus. Der Haaransatz darf blitzen, nur abrutschen darf das Kopftuch nicht. Ich muss noch lernen, wie man die Handtasche nimmt, ohne dass das Tuch rutscht. Wohlwollende Blicke von meinen Sitznachbarinnen.

Noch haben wir keine Visa. In meiner Tasche: Das Einladungsschreiben der Messegesellschaft und die Hotelreservierung. Keine elektronische Vorabzusage für ein Visum. Die deutsche Botschaft hat uns gewarnt: Ohne kann die Einreise am Flughafen verweigert werden und wir müssten wieder nach Deutschland ohne Teheran oder die Messe je gesehen zu haben. Jetzt bin ich doch aufgeregt. Der Mann am Schalter trägt ein helles Hemd, keine Krawatte, keine Uniformjacke. Nach 100 Euro und einer halbe Stunde haben wir unsere Visa. Der Polizeibeamte spricht deutsch: “Herzlich Willkommen”.

Am Ausgang wartet Iman, der Pressesprecher der Elecomp. Auf seine Einladung bin ich hier. Er hat ein Taxi organisiert, es saust mit uns über den Highway zum Esteghlal Grand Hotel. Iman bringt uns in die Empfangshalle und breitet das Programm aus: Morgen gibt es fünf Stunden Messe, dann eine Paintball-Party. Teheran habe die größte und schönste Paintball-Halle der Welt. Frauen und Männer spielen allerdings getrennt. Auf eine Frau schießen, das geht doch nicht, sagt Iman.

Eintrag von Marc Röhlig

27. Oktober 2010, 17.23 Uhr, Ortszeit Dresden.

Allmählich sucht mich doch das Fernweh / Heimweh (?) nach dem Orient heim. Also bin ich kurzerhand in die “Türckische Cammer” im Dresdner Residenzschloss geflohen. Eine tolle Ausstellung mit osmanischen Beutestücken, Säbeln, Zelten, Gastgeschenken, Ankäufen, Nachbildungen – eingetaucht in eine düstere und atmosphärische Stimmung. Die ältesten Stücke sind gut 500 Jahre alt und eigentlich “eine Interpretation des Orient”, wie mir der Kurator der Ausstellung, Holger Schuckelt, erzählte, als er mich durch die menschenleeren Räume führte. Schon toll so eine Privatführung gerade des Mannes, der 22 Jahre lang an der Auferstehung der Ausstellung – an seinem “Lebenswerk”, wie er sagt – gearbeitet hat. Die Städtische Kunstsammlung Dresden hat uns nämlich etwas ganz besonderes möglich gemacht: Private Führung durch den Kurator am Schließtag und ein menschenleeres Museum, um gaaaaanz viele schöne Fotos in Ruhe schießen zu können, Videos zu drehen und sich um 360° drehen zu dürfen. Warum das alles? Das wird sich hoffentlich demnächst dann erweisen, wenn das Material (knapp 90 Minuten Interview und mehr als 1.500 Fotos) gesichtet und bearbeitet ist. Es wird aber wieder ein neues, interaktives Experiment.

Eintrag von Simon Kremer

1. Oktober 2010, 13.04 Uhr, Ortszeit Augsburg.

Wir feiern Geburstag! Vor genau einem Jahr, am 1. Oktober 2009, verkündeten Jan Hendrik Hinzel, Simon Kremer und ich den Start von soukmagazine.de! Damals saßen Simon und ich bereits in Damaskus, kurz vor Beginn unseres Sprachkurses. Hendrik packte die Koffer für seinen Sprachaufenthalt in Kairo. Ein Jahr soukmagazine.de – über hundert Beiträge aus dem Orient, mehrere hochkarätige Preise.

Wir freuen uns auf das nächste Jahr…

Ihre soukmagazine-Redaktion

25. September 2010, 19.36 Uhr, Ortszeit Freiburg.

Sie können uns mal … ab sofort etwas spenden!

soukmagazine.de hat nun einen eigenen flattr-Account. Flattr ist ein spendenbasierendes Online-Netzwerk, mit dem man beliebte Seiten oder Texte mit einer kleinen Gabe beglücken kann. Wer angemeldet ist, legt einen monatlichen Betrag fest, den er gerne “flattern” möchte. Bedenkt der dann im Laufe des Monats Online-Inhalte mit einem Klick, erhalten diese zum Ende einen Teil des Festbetrags.

Eintrag von Marc Röhlig

19. September 2010, 10.23 Uhr, Ortszeit Gera.

Seit gestern laufen in Afghanistan die Wahlen zum Parlament – überschattet von Gewalt und Betrug. Mittendrin ist Robina Jalali, eine 24-Jährige Politikerin aus Kabul. Sie bewirbt sich erstmals um ein Amt, möchte sich für Frauen und Jugendliche einsetzen. soukmagazine.de hatte Robina bereits getroffen: Zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft startete das Mädchen noch unter dem Namen Muqimyar – sie ist eine afghanische Sprinterin.

Ich konnte Jalali als junges, lebensfrohes Mädchen kennenlernen – lesen Sie hier den Artikel. Sie genoss ihre Reisen und ihre Freiheiten abseits der internationalen Sportschauplätze. Für die Wahlen nun setzt Jalali ein traditionelleres Gesicht auf: standesgemäße Verhüllung und politische Flunkereien auf ihrer Homepage. Fünf Medaillen habe sie in zwei Olympischen Spielen für ihr “lovely country” Afghanistan erkämpft. In Wahrheit reichte es für kein Treppchen. Dass es dieses Mal reicht – und dass die Wahlen glimpflich verlaufen, wünscht soukmagazine.de von ganzem Herzen.

Unser Autor Sebastian Christ wird morgen früh mit Isaf-Akkreditierung nach afghanistan fliegen und die nächsten Wochen das Land bereisen. Bereits im Februar war Christ am Hindukusch unterwegs. Er brachte uns eine multimediale Erfahrungsreise mit. Wir freuen uns auf neue Berichte und hoffen auf die Qualität seiner Sicherheitsweste.

Sebastian, pass auf dich auf!

Eintrag von Marc Röhlig

16. September 2010, 11.32 Uhr, Ortszeit Istanbul.

Im Orient zu fotografieren, ist nie einfach. Es gibt Länder, da ist bereits das Ablichten eines Gemüsestandes ein Akt der Spionage und wird mit stundenlangem Wegsperren im Geheimdiensttransporter bestraft (Iran). Es gibt auch Länder, da versteckt sich noch im letzten Häuserwrack eine hochrangige Behörde, deren Ablichtung streng verboten ist und mit der Löschung der gesamten Kamera bestraft wird (Syrien).

Die Türkei nun ist in ihrer Fotografen-Praxis sehr viel entspannter; geradezu EU-geöffnet. Alles und jeden darf man ablichten, Soldaten, Flaggen, Wahrzeichen. Was allerdings nicht geht: “professional photographing”. Schnapp dir eine Quick Shot-Kamera, mache verwackelte Aufnahmen in dunklen Moscheen – ist okay. Nimm meinetwegen auch eine Spiegelreflex, blitzlichte ins Dunkel hinein – auch okay. Aber wehe, du arbeitest mit Stativ! Ein Stativ, so stets am Eingang zur Hagia Sofia und auch zum Einlass in die byzantinischen Zisternen, ist “professional”. Und dafür werden Gebühren erhoben – schließlich will man am Honorar des Profi-Fotografen mitverdienen. In der Hagia Sofia kostet ein professionell geschoßenes Foto zehn Euro Gebühr. In der Zisterne kann muss man direkt den Pauschalpreis in Höhe von 750 Euro für die Benutzung des eigenen Stativs entrichten.

Oder man gibt das Dreibein zur Aufbewahrung und übt sich in der Praxis der ruhigen Hand:

Hagia SofiaGanz unabhängig der Stativ-Ärgernisse: Istanbul fasziniert! Jeder Stadtteil hat seinen eigenen Sound, alles zusammen wölbt sich zu einem wunderbaren Orchester. Tipps zum Leben in der Stadt, eine multimedialer Rundgang, eine Videoimpression – das alles demnächst auf soukmagazine.de!

Eintrag von Marc Röhlig

13. September 2010, 10.03 Uhr, Ortszeit Istanbul.

Ein Kurztrip nach Istanbul, in die flirrende türkische Metropole am Marmarameer. Ich reise mit einem guten Freund, wir besuchen soukmagazine-Autorin Luise Samman, wir genießen die Stadt und die Stimmungen hier. Und Stimmungen gab es am Wochenende reichlich: Das Ende des Fastenmonat Ramadan wurde gefeiert, die ganze Stadt auf den Beinen. Gleichzeitig fanden die Finalspiele der Basketball-Weltmeisterschaft in der Türkei statt, das ganze Land auf den Beinen. Am Samstagabend besiegte die Türkei in den letzten drei Sekunden Serbien 83:82 – und schaffte den Einzug ins Finale. Gestern nun das Finale gegen den Favorit USA.

Die Blaue Moschee in IstanbulAlle Cafés waren überfüllt, die Wasserpfeifen dampften energisch. Der Jubel der Stadt war riesig. Nach einem harten Schlagabtausch im ersten Viertel bauten sich die Amerikaner dennoch konsequent ein Körbekonto auf, das die türkische Basketball-Mannschaft nicht mehr einholen konnte. Der Gastgeber holte “nur” den Vizetitel mit einem 64:81 gegen die USA. Die Wasserpfeifen erloschen dann schnell.

Noch ein drittes Ereignis fesselt die Türkei dieser Tage: Alle Bürger wurden am Sonntag zum Votum über ein neues Referendum gebeten. In Europa wird es als demokratischer Schritt der Regierung Erdogan gelobt, endlich mehr Unabhängigkeit vom starken Arm des Militärs zu erlangen. In der Türkei selbst wird heiß diskutiert: Das Referendum sei eine Mogelpackung, bestehend aus vielen Beschlüssen; manche gut, andere schlicht nicht akzeptabel. Fatih, der Lebensgefährte von Luise Samman kritisierte, wie könne man für eine Sache stimmen, die der Regierung zu viel Macht einräumt, zum Beispiel in Fragen des Verfassungsgerichts.

Das Gros der Bevölkerung ist dennoch klar für Erdogan: Mit knapp 58 Prozent aller Stimmen für ein “Evet” – Ja – wurde die Verfassungsänderung angenommen. “Tayyip ist ein großer Mann”, schwärmte ein älterer Herr im konservativen Stadtteil Fener, “das Evet wird die Türkei nach vorne bringen”. Auch die Zeitungen sind heute voll von Evet:

Evet-Bekundungen in türkischen Zeitungen

ps: Unbedingt noch anschauen: Simon Kremer interviewte Roger Willemsen über Afghanistan!

Eintrag von Marc Röhlig

8. September 2010, 18.24 Uhr, Ortszeit Gera.

Liebe Leser,

das Internet, so schnell und schön es ist, bietet doch immer Tücken. Unser Serverumzug hat noch nicht so geklappt, wie wir uns das wünschen. Die nächsten Wochen werden sie von der Adresse soukmagazine.de auf die direkte URL unseres neuen Servers verwießen – das sieht in der Adresszeile des Browsers zwar nicht schön aus, wird aber nur vorübergehend sein.

Wir bitten, dies zu entschuldigen.

Eintrag von Marc Röhlig

5. September 2010, 22.34 Uhr, Ortszeit Freiburg.

Knapp ein Jahr nach dem Start von soukmagazine.de können wir Ihnen heute den Relaunch unserer Seite vorstellen. Grundlage für das “souk 2.0″ waren zwei Überlegungen: Wie lässt sich dem Leser mehr Service bieten? Wie können wir selbst angenehmer – und aus aller Welt – an unserer Seite arbeiten?

soukmagazine.de läuft daher ab sofort von einem neuen Server aus; alle Artikel und Multimedia-Stücke sind mit umgezogen. Inhaltlich bleiben wir weitestgehend beim bewährten Konzept. Sie finden die vier Grundkategorien Leben, Glauben, Streiten und Dossier sowie die Zusatzkategorien Multimedia und Service. Es gibt als interaktives Inhaltsverzeichnis weiterhin unseren Globus.

Neu beim soukmagazine ist das Lexikon, das Ihnen Fachbegriffe unserer Texte kurz und einfach näher bringt. Ebenfalls neu ist unsere Darstellungsform “BIG PIC”, mit der Sie Fotogalerien im Großformat betrachten können. Ein erstes Beispiel ging heute mit einer Syrien-Rundreise online. Ebenso betten wir ab sofort alle Videos auf unserem neuen vimeo-Kanal ein.

Inhaltlich möchten wir Ihnen weiterhin Reportagen aus dem Orient in all ihrer Vielfalt und Qualität bieten. Gleichsam – und die aktuelle Debatte um das Sarrazin-Buch gibt uns recht – halten wir es für nötig, mit Texten auch muslimisches und jüdisches Leben in Deutschland zu portraitieren. Den Anfang macht eine audiovisuelle Begehung der Alten Synagoge in Essen.

Viel Vergnügen mit soukmagazine 2.0 wünscht Ihnen das Redaktionsteam!

Eintrag von Marc Röhlig

2. September 2010, 22.05 Uhr, Ortszeit Erfurt.

Mit der Omi und ihrem Rollator hätte ich wirklich nicht in der Moschee gerechnet. Die Erfurter Muslime hatten die Bürgerschaft zum Fastenbrechen eingeladen. Immer wieder beugt sie sich zu mir und ruft mir ins Ohr: “Was hat der gesagt?”, als der Imam den Koran rezitiert, die Gläubigen zum Adhan ruft und über den Ramadan und seine Gemeinschaft in der thüringischen Landeshauptstadt aufklärt. Auf der Straße an einem Stand hätten sie ein paar Muslime angesprochen und eingeladen, da wollte sie sich das auch mal anschauen, “wo man doch sonst immer nur so schlechtes in den Nachrichten hört”. Sie war nicht die einzige mit dem Gedanken, womit ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hätte. Aber als ich fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung, die pünktlich (!) begann, in die Moschee komme, ist der Vorraum bereits rappelvoll, knapp 200 sind gekommen, sitzen zusammen und warten auf die Datteln und den Sonnenuntergang. Bei der Begrüßung spricht der Erfurter Imam natürlich die Sarazzin-Debatte an, dass sie nur als Terroristen dargestellt, als Fundamentalisten und sie eigentlich gar nicht so sind und auch sonst ganz anders als in den Medien dargestellt. Es ist immer wieder erstaunlich, dass man bei Veranstaltungen, die dazu dienen sollen, sich zu zeigen und einer breiteren (bislang unbekannten) Öffentlichkeit zu präsentieren, erst einmal alle Vorurteile auf den Tisch knallt, um abschließend zu sagen, dass man so nun aber bitte nicht gesehen werden will. Wie tief müssen sich Vorurteile also in das eigene Selbstverständnis einprägen, sie selbst zu übernehmen? Meiner patenten Tischnachbarin war das ganze Einerlei. Als der Muezzin zum Gebet ruft stehen auch die Gäste auf Einladung auf, ziehen ihre Schuhe aus und gehen mit in den Gebetsraum, “Muslime gucken”. Die Frau an meiner Seite bleibt sitzen: “Also nee”, sagt sie. “Das schaue ich mir nicht an. Beten ist doch einfach etwas persönliches.” Amen.

Eintrag von Simon Kremer

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