Gesichter, die Geschichte schreiben
Am 17. Dezember 2010 verbrannte sich Muhammad Bouazizi öffentlich im tunesischen Sidi Bouzid. Der Protest wurde zum Initial für eine Revolutionswelle im Orient: Von Marokko bis Jemen ging die Jugend auf die Straße und veränderten ihre Heimat. Im Multimedia-Spezial antworten sie, wie sie auf die Zukunft blicken. Von Simon Kremer und Marc Röhlig
Klicken Sie auf die Grafik, um das Spezial zu starten.
Wir haben Jugendlichen – von Marokko bis in den Iran – die immer drei gleichen Fragen gestellt: Wo siehst Du dich in zehn Jahren? Wo siehst Du Dein Land in zehn Jahren? Und was wirst Du tun, um Deinem Land zu helfen? Eine Antwort vom 19-jährigen Tarik aus Kairo: “In zehn Jahren wird Ägypten noch genau so sein wie heute auch.” Das war ein halbes Jahr, bevor die Revolution begann. Wir nannten das Projekt damals “Hoffnungsträger ohne Hoffnung”.
Die Umfrage hat sich überholt: Das Jahr 2011 hat so viel mehr verändert, als sich junge Menschen in der arabischen Welt davor vorstellen konnten.
Zum Beispiel Samia Fekih Ahmad, 29 Jahre, aus Tunesien: „Ich fühle mich jetzt das erst Mal frei. Ich fühle mich stolz, Tunesierin zu sein.“ Oder Mahmud, 21 der Ägypter: „Die Jugend, die sehnt sich jetzt nach einer wichtigeren Rolle im Land.“ Selbst Muhammad*, 35, er lebt in Damaskus, trägt Hoffnung: „Wir waren gefesselt – und haben die Ketten gesprengt.“ Er selbst wurde zwei Tage in Haft gefoltert. Heute sagt er: „Ich habe den Glauben an mein Volk wieder gefunden.”
Das Jahr 2011 war für den Orient das Jahr der Umbrüche. Unruhen und Revolutionen wuchsen von Marokko bis Syrien, vom Jemen bis zu Iran. Die Jugend führte die Proteste an; in Blogs, auf der Straße, in den Medien. Das, was als Arabischer Frühling bekannt wurde, fand seinen Auslöser mit der Selbstverbrennung Muhammad Bouazizis am 17. Dezember. Vor genau einem Jahr zündete sich der 26-Jährige aus Protest gegen die Willkür tunesischer Beamter an – ein Zeichen gegen Armut und Chancenlosigkeit. Er entfesselte, was im Orient seit Jahren gährte: Die Wut auf die Obrigkeit, die Frustration auf Korruption, Chancenlosigkeit, fehlende Arbeit. Gestern wurde Bouazizi dafür posthum mit dem Sacharow-Preis geehrt.
Schon 2009 erhob sich die iranische Jugend gegen das Regime in Teheran; die Grüne Bewegung, sie ist die Ouvertüre zum Arabischen Frühling. Sie verstummte nur, weil sie damals allein von Studenten getragen war, nicht von der Masse des Volkes – wie es auf Tahrir-Platz, in Daraa oder in Sidi Bouzid passierte. Aber schon im Iran zeigte sich, wie Proteste heute funktionieren: als Mischung aus Straßenkampf und virtuellen Wir-Gefühl. Der Mut, auf die Straße zu gehen, wurde möglich durch die Anteilnahme im Social Web.
Was folgte, war ein Despotendomino: Ben Ali, der tunesische Präsident, flüchtete keinen Monat später ins saudische Exil. Mubarak, Oberhaupt in Ägypten, räumte sein Amt nach den Demos Hunderttausender auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Gadaffi, der libysche Despot, wurde im Sommer von den aufständischen Rebellen getötet. Und Salih, Präsident im Jemen, unterschrieb jüngst seine Rücktrittserklärung.
Nicht alle Länder sind befreit. Syrien ist in einem blutigen Bürgerkrieg gefangen, Staatschef Assad klammert sich eisern an die Macht. Massaker reiht sich hier an Massaker. Auch die Aufstände in Bahrain schlugen fehl, die Proteste wurden mithilfe saudischer Panzer verhindert. Saudi-Arabien selbst erstickt jede Reformbewegung durch harte Strafen. Auch dort, wo Regierungen gestürzt wurden, bleibt die Zukunft ungewiss. Mahmud, der Ägypter, sagt: „Klar haben wir jetzt viel Chaos im Land, die Islamisten werden stärker.“ Und Hamdi, 25 Jahre, aus dem Jemen, mahnt: „Es ist noch lange nicht vorbei; eine Revolution endet nicht mit dem Sturz des Diktators“. Überall sieht der Arabische Frühling anders aus; zu vielschichtig ist die arabische Welt. Die Jugend in den Emiraten folgt den Protesten via Twitter; und bleibt doch aktionslos. Ayman aus Saudi-Arabien erklärt sehr nüchtern die Errungenschaften in den Nachbarländern: Dass nun auch Frauen in den Behörden im Land arbeiten dürften. Der Omani Khalfan hofft darauf, dass die Entwicklungen „nachhaltig“ bleiben.
Die Meinungen**, was der Arabische Frühling bisher brachte – und wie es nun weitergehen soll – gehen auseinander. Aber was die ganze junge Generation von Marokko bis Iran seit dem 17. Dezember eint, ist ein Gefühl, das zur Gewissheit wurde: Wir können etwas bewegen. Wir wollen etwas erreichen.
Oder: „Wir werden alles verändern“, wie Hamdi sagt.
Ein Multimedia-Spezial zum Arabischen Frühling
Klicken Sie hier für die Übersicht der Einzelinterviews. Oder schauen Sie sich hier die Umfrage an:
![]()
Für uns gehört die Grüne Bewegung zur Narrative des Arabischen Frühlings dazu. Sehr gerne hätten wir daher auch Iraner über ihre Sicht auf die Umbrüche befragt. Doch wen wir auch trafen, nie war es möglich, ein Gespräch mit der Videokamera aufzuzeichnen, auch nicht mit gewährter Anonymität. Die Angst vor dem Teheraner Regime – sie ist der Wermutstropfen aller revolutionären Hoffnung.
* Name zum Schutz geändert
** Da die Recherchen sehr kurzfristig angesetzt waren, sind viele Interviews in Deutschland entstanden. Darunter sowohl Teilnehmer eines deutsch-arabischen Journalistenaustauschs als auch junge Araber, die zur Zeit in Deutschland leben oder studieren.






FACEBOOK
TWITTER
STUDIVZ
VIMEO
und wo bin ich?
Hast du schon mal auf das Foto mit den vielen Gesichtern geklickt? Da sind die Interviews. Oben ist nur ein Intro-Video…
Liebe Grüsze,
Marc