Schritt für Schritt in Richtung Freiheit
Ihr Heimatland ist vom Krieg zerrissen und eine sanierte Trainingsbahn gibt es auch erst seit kurzem. Robina Muqimyar, 23, hat dennoch als einzige afghanische Athletin den Weg zur Berliner Leichtathletik-WM geschafft. Und das ist noch nicht mal ihr mutigster Schritt. Von Marc Röhlig
Das verdirbt zunächst das Klischee der guten Muslima: Eine luftige Bluse, oben nicht ganz zugeknöpft, eine bestickte Jeans, die den Blick auf nackte Füße und Flip Flops freigibt und dann noch die Ohrringe, an denen kleine Herzchen und Sterne baumeln. Und ja, nirgends ein Kopftuch zu entdecken. Das gesamte Outfit ist eine stille Rebellion. Aber Robina Muqimyar, 23 Jahre, ist dennoch eine Vorzeigemuslima. Nur nicht ganz so, wie es traditionellen Werten entspricht. Eher, wie es der neuen Jugendkultur gefällt.
Denn Robina Muqimyar ist afghanische Sprinterin. Und sie ist Rollenmodell, Sehnsuchtstraum wie Vorbild für ihre ganze Generation. 2004 lief sie, gerade 17 Jahre alt, als erste Athletin ins Olympiastadion von Sydney. Sie trug die afghanische Flagge in ihren Händen. Alle Kameras richteten sich auf sie. Damals war sie noch mehr Mädchen als Sportlerin.
Seitdem sind zwei Olympiateilnahmen und mehrere vorderasiatische Wettkämpfe vergangen. Zuletzt war sie in Berlin zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft, ihrer ersten. Trifft man Muqimyar in Berlin, dann ist sie immer noch ein Mädchen. Wenn sie im Park einen Hund zieht, rennt sie hin und bittet den Besitzer, mit seinem Hund schmusen zu dürfen. Und ein Foto will sie auch mit dem flauschigen Kerl. Aber trotz aller Spielchen, das Mädchen Muqimyar ist nun auch zur Frau geworden. Sie hat ihr Leben mit Selbstbewusstsein bestückt.
Eine Jugend unter Taliban
“Es war natürlich eine große Freude, in Berlin dabei zu sein”, sagt Muqimyar. Aber wichtiger sei doch, dass sie der internationale Wettkampf fordere. In Beijing lief sie 2008 die 100 Meter in 14,80 Sekunden. In Berlin zu ihrer ersten WM hat sie sich auf 14,24 verbessert. Für eine Qualifikation im Sprintfinale hat es damit zwar nicht gereicht – “aber mich selbst zu steigern, das ist es, worauf ich wirklich stolz sein kann”, sagt Muqimyar.
Die Steigerung ist keine leichte Arbeit. Afghanistan ist ein Land im Ausnahmezustand. Als Muqimyar geboren wurde, hielten die Sowjets das Land besetzt. Ihre Jugend erlebte das Mädchen dann unter dem Regime der Taliban. Heute versucht eine internationale Friedenstruppe, dem Präsidenten Karzai dabei zu helfen, Afghanistan zu stabilisieren. “Ich bin mir sicher”, sagt Muqimyar, “gäbe es heute noch die Taliban: Ich wäre eine der ersten, die sie erschießen würden”.
Warum das so ist, erklärt sie ohne Umschweife:
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Das Dankeschön, dass sie an die afghanische Jugend zurückgeben kann, ist ein Lebensentwurf: Robina Muqimyar erfüllt sich Träume. Sie tut das in Stellvertretung für Altersgenossen, die noch in Traditionen und religiösen Pflichten feststecken. “Natürlich bin ich sehr gläubig”, sagt sie. Jeden Tag danke sie Allah für die Möglichkeiten, die er ihr biete. Sich so mit Gott zu verbinden, auf Erden aber das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen – das ist Muqimyars Version der Vorzeigemuslima.
Die Reisen zu den internationalen Wettkämpfen helfen ihr dabei. Sie sagt: “Es ist beeindruckend, was ich sehe und erlebe; überall werde ich herzlich aufgenommen, ein wundervolles Gefühl”. Wenn sich die Sprinterin derart freut, dann wird klar, dass die Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Und dass sie auch fünf Jahre nach ihrem Auftritt in Sydney noch aufgeregt ist, wenn sie für ein internationales Turnier nominiert wird.
“Männer und Frauen im gleichen Zimmer – unglaublich!”
In der Heimat, in Kabul, trainiert sie täglich. “Jeden Morgen wird gerannt, außerdem drei Mal die Woche nachmittags Training”, zählt Muqimyar pflichtbewusst auf. Sie nimmt dabei die Hände zu Hilfe, streckt den Zeigefinger, tippt drei Mal in die Handfläche.
Die Trainingsbedingungen sind dabei alles andere als einfach: Das Kabuler Stadion sei eine Katastrophe, eine richtige Laufbahn gebe es nicht und die Strecke, auf der sie trainiere, “war lange total kaputt”. Erst seit drei Monaten gibt es eine neue Anlage. Die Regierung hat sie endlich finanziert. Überhaupt gebe es durch die Regierung nun endlich “ein normales Leben”. “Frauen und Männer können im gleichen Zimmer eines Büros arbeiten”, freut sie sich, “so was gab es lange nicht”. Und Sport dürfe man nun auch ohne Probleme treiben.
Dabei ist es gerade der Sport, den Muqimyar schon immer so sorglos betrieb. Und das der Ausgangspunkt für ihre erste kleine Rebellion war:
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Der Blitzeinstieg ist nun zehn Jahre her. Letzten Sommer hat Muqimyar die Schule beendet. Seitdem arbeitet sie in der gleichen Bank wie ihr Vater, der Kabuler Bank. “Sie ist die größte Bank in Afghanistan”, sagt sie, “und auch mein Sponsor”. Das Mädchen, die junge Frau, hat sich ihr Leben eingerichtet.
Und in Berlin hat sie es diesen Sommer auch gleich noch ein bisschen aufgepeppt. Muqimyar hat sich am rechten Fuß ein Tattoo stechen lassen, gleich am ersten Wettkampftag: ein zierliches, florales Gebilde, eine Blüte, die sich öffnet.
Wieder so eine kleine Rebellion, die sie von ihren Reisen in die Welt hinaus mitbringt.
Die Blüte kam ganz zum Schluss, als der Dolmetscher schon aufgestanden war. Wir saßen im Park auf der Wiese und unterhielten uns über Sport, Afghanistan, das Reisen. Die Übersetzungen des männlichen Begleiters waren dabei stets braver als Robinas Blick beim Erzählen. Im Einklang war beides nur, als sie selbst auf Englisch sprach: See, my new tattoo!
Audiostimme von Silke Hans







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