Liga ohne Land
Acht Jahre durfte kein Fußball mehr offiziell im palästinensischen Westjordanland rollen. Die erste Saison seit langer Zeit ging zu Ende – ohne Finalspiel. Für die Mannschaften dennoch ein Erfolg: Fußball ist hier mehr als Sport, für die Araber ist es ein Stück Freiheit. Trotz Soldaten am Spielfeldrand und ständigen Prügeleien. Von Simon Kremer
Der Stürmer aus Jenin betritt das Spielfeld durch einen Rohbau. Drei Stockwerke darüber haben sich die ersten Fans an den Rand der bröckeligen Fassade gesetzt, 15 Meter tiefer liegt Bauschutt in einer Grube, der grüne Kunstrasenplatz leuchtet befremdlich zwischen braunem Lehmboden und grau geduckten Häuschen hervor. Der Ruf des Muezzins zieht mit der untergehenden Sonne über die halbfertigen Dächer und lässt einige Spieler ihre Aufwärmrunde unterbrechen und betend auf die Knie sinken. Am Eingangstor zum Fußballplatz umrahmen palästinensische Fahnen das Logo der Fifa. Noch ist hier alles sehr provisorisch.
Zum ersten Mal seit acht Jahren, seit Israel nach der zweiten Intifada im Jahr 2000 die Sicherheitsvorkehrungen erhöht hat, haben die Palästinenser wieder eine Fußballliga, geteilt wie die Nation. Das Westjordanland und der Gazastreifen gelten offiziell als “besetzte Gebiete”. Als die Saison im vergangenen August startete war der Plan noch, dass die Tabellenführer beider Ligen gegeneinander ein Finale austragen sollten. Zu diesem Spiel ist es nie gekommen. Nicht, nach der israelischen Offensive im Gaza-Streifen Anfang des Jahres. Mehrere Fußballspieler und Funktionäre starben zudem bei den Angriffen. Dabei brachte FIFA-Präsident Joseph Blatter viel Hoffnung mit, als er wenige Wochen zuvor noch das Nationalstadion eröffnete. Ein Stadion für eine Nation, die eigentlich gar nicht existiert.
22 Mannschaften hat die Liga im Westjordanland und elf Spielstätten, die eher auf Kreisliga-Niveau sind. Das Spielfeld in Al-Bireh ist umringt von einem drei Meter hohen Metallzaun, an dem sich hunderte Zuschauer drängen. Andere sind auf die Dächer der nahe gelegener Häuser geklettert. Das Stadion hat keine Tribünen, keine Einlasskontrolle. Ein Araber verkauft Tee aus einer Thermoskanne und Erdnüsse. Daneben fahren Fans ihre knatternden Rostautos direkt an den Zaun und steigen hinauf. Insgesamt sind etwa 500 Fans da – die meisten von Gastgeber und Titelaspirant Jabel Mukaber, einer arabischen Siedlung in Ost-Jerusalem, wenige von Jenin aus dem Süden des Landes.
Das Spiel ist, als würde ein Haufen Freizeitkicker zufällig das gleiche Trikot tragen. Im Grunde ist das gar nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt, denn der Kader stellt sich aus Spielern zusammen, die über Zeitungsanzeigen gesucht werden, durch Aushänge an Moscheen oder durch Hörensagen auf dem Markt. “Sie spielen alle umsonst”, sagt Jabel Mukabers Trainer, Manager und Zeugwart Khader Abeid. “Wenn einer der Fans mit der Leistung der Spieler zufrieden ist, dann steckt er ihm anschließend ein bisschen Geld zu.” Es sind einzelne Spenden, die die erste Liga in Palästina ermöglichen; Firmen, die Trikots bezahlen oder einen Satz neuer Trainingsbälle. Für ihr ausdauerndes Engagement verlieh Blatter dem Palästienensischen Fußballverband im Januar den erstmals vergebenen FIFA-Entwicklungspreis.
Etwa drei Mal trainieren die Mannschaften pro Woche, nicht immer sind alle Spieler dabei, weil sie durch eine der zahlreichen Sicherheitskontrollen aufgehalten werden, wie Abeid den schwierigen Aufbau der Liga erklärt. “Einige Spieler wohnen auf der israelischen Seite der Sicherheitsmauer entlang des Westjordanlandes, die anderen hier.” Doch auch im Westjordanland selbst ist die Situation nicht viel besser, manchmal benötigen die Mannschaften für die 30 Kilometer zu einem Auswärtsspiel mehrere Stunden. Knapp 500 Checkpoints der israelischen Armee sind über das Westjordanland verteilt.
Das Maschinengewehr im Anschlag
Fußball in Palästina ist nicht nur Sport, es ist Kampf – und Ausdruck des Krieges, den Fans und Zuschauer versuchen, zumindest für 90 Minuten zu vergessen. Obwohl Jabal Mukaber mit 6:0 deutlich gewinnt und es ein ruhiges Spiel war, eskaliert die Situation plötzlich nach dem Abpfiff. Vermutlich hatte ein Spieler von Jenin etwas zum Schiedsrichter gesagt, der daraufhin auf ihn losging. Ein nichtiger Tumult, doch innerhalb von Sekunden ziehen die palästienensischen Sicherheitskräfte ihre AK-47-Maschinengewehre und stürmen auf das Spielfeld. Von außen sprinten ganzkörpergepanzerte Polizisten heran, schlagen mit Stöcken scheppernd gegen den Zaun. So schnell der Aufruhr begann, so schnell ist er vorbei, Fans und Spieler verscheucht. Kurz darauf kommen einige Kinder der Jugendmannschaft auf das Spielfeld und bauen Hütchen für eine Trainingseinheit auf, dann knieen sie sich in den Kegel der Flutlichter und beten.
Hier geht es zur Slideshow auf FAZ.net:
Klar, die Geschichte mit den bekloppten Fußballfans am Abgrund musste natürlich der Fotograf mit Höhenangst machen. Stimmung und Niveau sind in etwa ähnlich wie in der Kreisliga B im Sauerland. Nur die Gewehre irritieren. Dieser Artikel erschien zuvor auch im Rheinischen Merkur.







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