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Die Alternativlösung

Freitagabend – tote Hose in Jerusalem. Geschätzte 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung halten sich an die Gesetze ihrer Religion und begehen den Schabbat. Nur an drei, vier Orten der Stadt pulsiert das Leben. Ein Hausbesuch im Uganda, einem der Zufluchtsorte. Von Ann-Kathrin Seidel

Café Uganda

Jeden Abend, so ab 22 Uhr bekommt die Aristobolusstraße, eine schmale Gasse unweit des Jerusalemer Stadtzentrums einen eigenwilligen Rhythmus. Jedes Auto, das die Straße passiert, drängt die Menschen, die dort herumstehen und -sitzen, an die Häuserwände. Sie quetschen sich einer neben den anderen, die Stühle in der Hand, an die sandfarbenen Jerusalemer Mauern. Das Gespräch zu unterbrechen, lohnt sicht nicht, denn es fahren viele Autos durch die Aristobolus. Und so sind die Menschen ständig in Bewegung: An die Wand, zurück auf die Straße, an die Wand, zurück auf die Straßen, …  Von oben betrachtet hat diese Choreographie etwas Pulsierendes.

Itamar Weiner hat wie so oft tiefe Ringe unter den Augen, aber die Kapuze des schwarzen Pullis hat er ausnahmsweise mal abgenommen. Vor fünf Jahren haben Itamar und sein Kumpel Uri in der Aristobolus das Uganda eröffnet – einen Platten-, CD-, Comicladen, mit eigenem Label und Café. Dass sich das Uganda dann in einer Kneipe verwandelt hat, findet er eigentlich gar nicht so toll. “Aber das ist, was die Leute hier brauchen”, sagt er – einen Zufluchtsort für ausgefallene Figuren, für Punks, Elektrofans, für Andersdenkende.

In Jerusalem hat man nicht viele Alternativen. Das Uganda ist eine – das sagt schon der Name. Uganda war die Region, die der britische Staatsmann Joseph Chamberlain den verfolgten Juden Osteuropas 1903 anbot. Zwar nicht als Alternativlösung zu Palästina, dennoch als vorläufige Heimstätte. Und eine solche haben Uri und Itamar mit dem Uganda dem religiös-engen und dem politisch-zerissenen Jerusalem abgerungen. Es ist kaum größer als zwei zusammenhängende Wohnzimmer – genug Platz für die hiesige Szene.

 

Impressionen im Uganda

Impressionen im Uganda: Nicht nur Plattenladen, sondern auch Bar, Fotos: Seidel

Orthodoxe Strenge statt bohemische Leichtigkeit

“Angefangen hat es mit Konzerten in einem russischen Stripclub hier nebenan”, sagt Itamar und deutet auf eine Baracke einige Meter weiter. Damals arbeitete er noch in dem Videoverleih und Comicladen “Das dritte Ohr” in der deutschen Kolonie und wollte “was eigenes” machen. Den russischen Club fand er irgendwie “abgefahren”. Zusammen mit Uri hatten sich im Rosa und im Balance rumgetrieben, zwei Minioasen für elektronische Musik, die es heute nicht mehr gibt. Hat er nicht daran gedacht, in Tel Aviv etwas aufzubauen, wo die Szene doch viel größer ist? “Warum sollte ich etwas für Fremde aufbauen und nicht für die Menschen, die ich kenne?”, fragt Itamar.

Das sagt viel über die Jerusalemer Szene aus – und über Itamar. Itamar ist in Jerusalem aufgewachsen, in Ramot und Ramat Eshkol. Beide Viertel wurden nach dem Sechs-Tage-Krieg jenseits der “grünen Linie” gebaut, beide haben sich in ihrem Charakter in den letzten Jahren stark verändert. Ramat Eshkol, einst ein Ort für die “Bohemien” wie die Schriftsteller Amos Oz und Meir Shalev, hat heute laut des Jerusalem Institute for Israel Studies (JIIS) eine zu 70 Prozent ultra-orthodoxe Bevölkerung. In Ramot sind es laut JIIS sogar 75 Prozent.

32 Prozent der jüdischen Bevölkerung Jerusalem ist laut JIIS ultra-orthodox, wie viele von den restlichen 68 Prozent darüber hinaus zu den sogenannten Nationalreligiösen und den traditionell Religiösen gehören, ist schwer zu sagen. Forschers des Jerusalem Center for Public Affairs schätzt den Anteil der Religiösen unter den Juden – also derjenigen, die den Gesetzen des Judentums folgen, den Schabbat einhalten, koscher essen – auf bis zu 75 Prozent.

Die Enge in Jerusalem setzt Energie frei

So bleibt die Jerusalemer Szene unter sich. Jeder kennt jeden im Uganda, viele sind Zuhörer und Macher zugleich. Zusammenhalt ist viel wert – und nötig. “Die meisten progressiveren Leute gehen gleich nach dem Studium aus Jerusalem weg”, sagt Itamar. “Es ist ihnen zu eng hier.” Aber diese Enge scheint auch von vielen Erwartungen zu befreien und Energien freizusetzen. Und so gelten die Jerusalemer als radikaler und experimentierfreudiger als die Tel Aviver. “Das Rosa und das Balance haben uns beigebracht, dass wir nicht auf den Verkauf aus sein müssen, sondern dass wir zu unserem Zeug stehen sollen”, sagt Itamar.

Das beweist das Repertoire des Ugandas. Die Wände entlang reiht sich eine Platte an die nächste, darunter Comics, Fanzines und zum Teil handgemalte Graphic Novels. Weiter hinten gibt es T-Shirt mit Motiven von lokalen Designern. Seit ein paar Jahren hat das Uganda ein eigenes Label und bringt Alben und Sampler von israelischen Bands heraus. Und fast jeden Abend spielt eine andere, meistens ziemlich laute Band. Darunter natürlich auch einige aus Berlin, das so etwas wie die Messlatte für Israels Szene ist.

Noch etwas könnte den deutschen Gästen hier sehr bekannt vorkommen. Im Uganda gibt es das Taybeh, das nicht nur das einzige palästinensische Bier ist, sondern auch nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut wird – gefördert von der Konrad-Adenauer- und der Hanns-Seidel-Stiftung. Einmal im Jahr gibt es in dem gleichnamigen christlichen Dorf 20 Minuten von Jerusalem entfernt sogar ein Oktoberfest. Außerdem gibt es im Uganda den berühmten Akramawi Humus aus der Jerusalemer Altstadt. “Damit unterstützen wir die palästinensischen Unternehmer”, sagt Itamar. So ist Jerusalem: Bis zum Bier und zum Humus ist hier alles politisch. So auch der Grund, warum die Internetseite des Ugandas nach den Vorfällen auf dem türkischen Schiff “Mavi Marmara” nicht zu erreichen war. Sie wurde von türkischen Hackern gekapert.

Ann-Kathrin SeidelKeiner weiß so richtig, zu wem sie gehört, ob sie in der Nachbarschaft wohnt oder nur so gut ernährt ist, weil sie ihr Revier standhaft verteidigt. Definitiv aber hat die Katze, die mehr oder weniger im Uganda wohnt, nicht alle Tassen im Schrank. Während ich mich mit Itamar unterhalte, versucht sie immer, meine Kamera zu verjagen, die neben mir liegt.

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