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Das Portal der Widerlichkeiten

In Ägypten ist sexuelle Belästigung alltäglich. Auf einer Website können betroffene Frauen die Übergriffe melden. “Harassmap” greift dann ein. Von Viktoria Kleber

Graffiti von Alyiaa Al-Mahdy in Kairo: Die Bloggerin hatte mit Nacktfotos im Netz gegen Bevormundung protestiert, Foto: Gigi Ibrahim

Die Einträge beschreiben Obszönes, Widerliches und Brutales. Es geht um anzügliche Kommentare, ums Begaffen und Begrabschen, bis hin zu versuchter Vergewaltigung. “Ich war auf meinem Weg zur Arbeit”, schreibt eine Frau, “als auf einmal ein Typ auf einem Motorrad meinen Po begrabschte und schnell weiterfuhr. Ich war so schockiert, konnte nicht einmal reagieren”. Eine andere Frau berichtet: “Ich wurde von einer Gruppe von Männern gefragt wie viel eine Nacht mit mir koste. Das war so widerlich, ich fühlte mich wie vergewaltigt.”

Fast 500 solcher Einträge sind auf Harassmap.org zu lesen, einem Internetportal, das Frauen in Ägypten die Möglichkeit gibt, sexuelle Belästigungen publik zu machen. Per SMS, Twitter, Email oder Telefon können die User ihre Erfahrungen beschreiben und auch die genaue Adresse angeben, wo etwas passiert ist. Eine Karte zeigt die Hotspots an, die Gebiete, in denen sexuelle Belästigung besonders verbreitet ist. Rebecca Ciao, Mitbegründerin von Harassmap, geht dann mit ein paar Freiwilligen in die entsprechende Gegend und klärt die Menschen auf der Straße über sexuelle Belästigung auf. Sie spricht dann mit Ahmed, dem Ladenbesitzer, Muhammed, dem Türsteher oder Yussuf, dem Taxifahrer. Sie spricht von Nachbarin zu Nachbar, direkt von Mensch zu Mensch. “Wir machen ihnen deutlich, dass wir alle in einem Boot sitzen und unsere Nachbarschaft zu einem sicheren Ort machen müssen. Das Interesse ist überraschend groß”, sagt Rebecca Ciao.

Aufklärung über sexuelle Belästigung, das gab es bisweilen in Ägypten nicht. Das Thema wurde verschwiegen, heruntergespielt. So beschuldigte Suzanne Mubarak, die Frau des ehemaligen Präsidenten, die Medien, aus wenigen Vorfällen von unflätigen Jugendlichen, dem ganzen Land ein schlechtes Image zuzufügen. Denn sexuelle Belästigung ist schlecht für ein Land, das vom Tourismus lebt. Statt die Täter zu bestrafen, hat die Regierung Mubarak die Frauen in Kampagnen dazu aufgerufen, sich zu verschleiern, um Übergriffe zu verhindern. So wurden den Frauen die Schuld am Fehlverhalten der Männer zugeschrieben. So wurden aus Tätern Opfer.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Laut einer Studie des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte von 2008 werden über 80 Prozent der ägyptischen Frauen täglich sexuell belästigt – von Kommentaren bis hin zu körperlichen Übergriffen. Ob Frauen Kopftuch tragen oder nicht, macht dabei keinen Unterschied. “Sexuelle Belästigung ist in Ägypten salonfähig”, sagt Sally Zoheny von UN Women in Kairo, dem Gremium der Vereinten Nationen für Gleichberechtigung. “Das zeigt sich auch darin, dass die Täter meist nicht allein sind, in Gruppen diskriminieren.” Alleine mit ihren Problemen waren bisher jedoch die Frauen in Ägypten. Denn zur Polizei geht in Ägypten niemand. Ein Gesetz, das sexuelle Belästigung kriminalisiert, gibt es noch nicht. Im Gegenteil: Auf Harassmap.org wird auch Polizisten vorgeworfen, Frauen sexuell zu belästigen.

Kurz gab es einen Moment der Gleichheit

Harassmap ist die erste Plattform in Ägypten, die es Frauen ermöglicht, über sexuelle Belästigung zu berichten. Seit knapp einem Jahr gibt es die Seite, bislang wird sie jedoch nur von einem Bruchteil der Frauen genutzt, die sexuell belästigt werden. Rund 1.000 Besucher hat die Seite pro Monat, wöchentlich kommen etwa 13 neue Berichte hinzu, die Zahlen steigen. “Viele Frauen schämen sich darüber zu berichten, was ihnen passiert ist”, sagt Rebecca Ciao. “Wir hoffen, dass wir durch die Anonymität des Internets noch mehr Frauen dazu ermutigen können.”

In sechs Hotspots in Kairo hat Harassmap die Bevölkerung bereits aufgeklärt. Die Erfolge sind jedoch schwer zu messen. Zwar sind die Reporte in diesen Stadtteilen auf Harassmap.org zurückgegangen, ob die Vorfälle jedoch auch weniger geworden sind, lässt sich nicht nachweisen. Rebecca Ciao glaubt an den Erfolg. “Wir können eine Gesellschaft, in der sexuelle Belästigung gegen Frauen als selbstverständlich angesehen wird, nicht von heute auf morgen ändern”, sagt sie. “Wir brauchen Zeit und weiterhin Unterstützung.” Rund 400 ehrenamtliche Helfer hat Harassmap bereits – eine beachtliche Zahl, für ein neu gegründetes Netzwerk. Auch Männer machen sich gegen sexuelle Belästigung stark, sie bilden fast die Hälfte der Freiwilligen.

Es benötigt wohl noch mehr freiwillige Helfer, um alle Ägypter aufzuklären. Wie ein Ägypten ohne sexuelle Belästigung aussehen könnte, das hat die erste Welle der Revolution vor einem Jahr schon einmal gezeigt. Frauen wie Männer demonstrierten auf dem Tahrir-Platz, waren gemeinsam Tränengas und Munition ausgesetzt. “Ägypten war in einem Zustand, in dem alle Leute nur ein Ziel hatten: den Sturz Mubaraks. Das Geschlecht hat niemanden interessiert”, sagt Sally Zohney von UN Women. Nach dem Sturz Mubaraks zählt in Ägypten das Geschlecht wieder. Die sexuelle Belästigung geht weiter wie zuvor. “Jetzt wissen wir wenigstens wie es sich anfühlt”, sagt Rebecca Choi. “Ein Ägypten ohne sexuelle Belästigung ist großartig.”

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  1. HarassMap.org – sexual harassment is commonplace. « sisters from different misters

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