Gott und der Krieg
In einer der wenigen Reden an sein Volk bezeichnet der syrische Präsident Bashar al Assad den Aufstand als Verschwörung ausländischer Aufständischer – eine Anspielung auf Saudi-Arabien und islamistische Fundamentalisten. Tobt in Syrien tatsächlich ein Krieg der Religion? Jein, vielmehr geht es um Macht und politischen Anspruch, meint Simon Kremer.
Prächtig liegt die Ummayaden-Moschee im Zentrum von Damaskus. In einem Schrein soll sie den Kopf Johannes des Täufers beherbergen, weshalb Christen und Muslime gleichermaßen dorthin pilgern. Ein zweiter Schrein soll den Kopf Husains, einem Enkel des Propheten, beinhalten. Husain wird von schiitischen Pilgern als Märtyrer verehrt.
In Syrien verlaufen die Traditions- und Trennlinien zwischen den Religionen eng nebeneinander. Etwa drei Viertel der Bevölkerung sind sunnitische Muslime. Doch spannend wird das übrige Viertel, die Minderheiten im Land: Das sind etwa zehn Prozent Christen und etwa ähnlich viele Alawiten, eine schiitische Gruppierung. Daneben noch Drusen oder Jesiden.
Viele Christen fürchten derzeit einen Sturz des Präsidenten. So erinnerte der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo unlängst daran, dass das Assad-Regime für die Religionsgemeinschaften ein „hohes Maß an Sicherheit und Stabilität“ gebracht habe. In keinem anderen arabischen Land gebe es eine so große Freiheit für religiöse Minderheiten wie in Syrien, sagte der Bischof. Der Grund: Bashar al-Assad selbst gehört einer Minderheit an. Er ist Alawit.
Christen im Dilemma
Den Sunniten gelten die Alawiten jedoch als mystische Sekte, weil sie an Seelenwanderung glauben und den Imam Ali, den Schwiegersohn des Propheten Mohammed, als gottgleich verehren. Das ist nicht nur für radikale Muslime undenkbar. Während in Ägypten oder Tunesien also die Menschen auf die zentralen Plätze stürmten und über alle sozialen und religiösen Unterschiede hinweg einstimmig den Rücktritt der Diktatoren forderten, hörte man aus Syrien andere Töne: In Dara‘a, wo der Aufstand begann, skandierten Demonstranten: „Wir wollen einen Muslim, der Gott fürchtet.“
Der aktuelle Konflikt bringt die Christen im Land in ein Dilemma und spaltet sie: Wenn sie sich hinter den Präsidenten stellen, droht ihnen, dass sie in einen bewaffneten Konflikt mit hineingezogen werden – und bei einem Regimesturz schutzlos dazustehen. Stellen sie sich auf die Seite der Revolution, riskieren sie es, ihre Privilegien und die Protektion des Regimes zu verlieren. Viele Christen sehen, wie es ihren Glaubensbrüdern in anderen Ländern ergeht: Im Irak, in Ägypten, in Nigeria sind Christen immer wieder Ziel von Übergriffen. Doch der syrische Patriarch Gregor III. sagte unlängst: „Die Revolution ist kein Konflikt zwischen Christen und Muslimen.“ Vielmehr handele es sich um Konflikte unter Muslimen. Dabei blendet der Patriarch aus, dass mancherorts Christen schon längst Teil des Konflikts sind: In der Peripherie, abseits des Machtzentrums Damaskus, solidarisieren sich viele, vor allem junge, Christen mit den Muslimen. Die Proteste führen immer häufiger auch durch christliche Stadtviertel. In Homs läuteten bei der Beerdigung eines muslimischen Demonstranten sogar die Kirchenglocken.
Geistliche Führung rückt zusammen – hinter Assad
Auch die geistliche Führung im Land rückt in dem Konflikt näher zusammen, steht jedoch auf Seiten des Präsidenten. Anfang der Woche trafen sich in der Hauptstadt Damaskus Christen und Muslime zu einem gemeinsamen Gebet. Der sunnitische Großmufti in Syrien, Scheikh Ahmed Hassun, forderte ein Ende der Gewalt und, dass soziale Unterschiede aufgehoben werden. Er gilt als enger Freund des Präsidenten und ist bei saudischen Imamen ob seiner liberalen Positionen verhasst. Persönlich hat der sunnitische Großmufti viel zu verlieren, sollte Assad stürzen. Genauso wie die christlichen Bischöfe, die um ihren Einfluss fürchten. Sie fordern zwar Reformen, aber unter einem Präsidenten Assad.
Die politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten in der Hauptstadt sind groß und bergen explosives Potenzial: Sollte Assad im Amt bleiben, droht ein andauernder Bürgerkrieg, der sich auf die Küstenregion im Westen, das Zentrum der Alawiten, ausdehnen könnte und in den auch die Christen mit hineingezogen werden könnten.
Wenn das Regime fällt, könnten Christen in einem destabilisierten Syrien zunehmend Ziel islamistischer Übergriffe werden, sollte nicht schnell eine gemäßigte Regierung die Macht erlangen und Minderheiten wie die Christen weiterhin schützen. In jedem Fall werden Christen und Muslime gleichermaßen künftig kritische Fragen an ihre geistigen Führer stellen. Denn die haben doch überraschend lange mit dem Diktator paktiert und damit die Loyalität von vielen Gläubigen verloren. Und auch die sozialen Spannungen, die seit Jahren in der syrischen Gesellschaft gären, konnten die Kirchenführer mit ihrer Nähe zum Regime nicht mildern.
Ein Szenario für den Ausgang des – mittlerweile von der UN als Bürgerkrieg anerkannten – Konflikt zu zeichnen, scheint fast aussichtslos. Der Kommentar kann daher nur ein Versuch sein, die Rolle der Revolution zu erklären. Denn der Konflikt ist auch eine Gefahr für die Einheit von Christen und Muslimen im Land. Das wollen die Kirchenoberen aber nicht wahrhaben.






FACEBOOK
TWITTER
STUDIVZ
VIMEO
It’s a relief to find someone who can explain tihngs so well